Visite im Agaplesion Bethanien Sophienhaus: Hausärztin Dr. Irmgard Landgraf (r.) und Pfleger Viktor Gralki im Gespräch mit Heimbewohnerin Gertrud Haase (99).
Ärztliche Versorgung

Eine Herbergs-Mutter fürs Pflegeheim

Die heimärztliche Betreuung steht seit Langem in der Kritik. Nun erhöht die Politik den Druck, es besser zu machen. Vorbild könnte das „Berliner Projekt“ sein. Angestellte und kooperierende Heimärzte kümmern sich dort um die Senioren – rund um die Uhr. Von Thomas Hommel

Urgroßmütter wie Gertrud Haase

stehen manchmal vor einem Platzproblem. Sie fragen sich dann: Wohin nur mit den vielen Fotografien von Kindern, Enkeln und Urenkeln? Nahezu alle Wände in ihrem Zimmer im Agaplesion Bethanien Sophienhaus seien inzwischen belegt, berichtet die 99-Jährige. Und anbauen könne sie ja nicht.

Seit sieben Jahren lebt Gertrud Haase zusammen mit rund 100 anderen Seniorinnen und Senioren in der Altenpflegeeinrichtung im Süden Berlins. In den vergangenen Jahren sind immer neue Fotos von der Familie dazu gekommen. Hier der Sohn, dort die Tochter, daneben die Kinder der Tochter, ein Bild von deren Kindern und so weiter und so fort.

Gertrud Haase schiebt ihren Rollator vorsichtig durchs Zimmer. Es ist ein warmer, gemütlicher Raum. Mit einem spiegelbesetzten Kleiderschrank, Pflegebett, Holztisch, Ohrensessel, Blumen, Erinnerungen. Heimärztin Dr. Irmgard Landgraf ist zur Visite gekommen. Die jährliche Grippe-Impfung der Bewohner steht an. „Das ist wichtig“, sagt die Fachärztin für Innere Medizin. Ältere Menschen seien wegen ihres schwächeren Immunsystems in großer Gefahr, wenn sie sich mit den Viren ansteckten. „Daher achte ich darauf, dass alle rechtzeitig vor Beginn der Grippezeit geimpft sind.“

Digitale Heimakte spart Ressourcen.

Irmgard Landgraf ist so etwas wie die ärztliche Herbergs-Mutter im Sophienhaus. Als kooperierende Ärztin im „Berliner Projekt – die Pflege mit dem Plus“ kümmert sie sich zusammen mit dem jeweils diensthabenden Pflegepersonal um die Gesundheit der auf drei Stationen lebenden Heimbewohner. Dazu tauscht sich die Ärztin, die im Haus vor der Pflegeeinrichtung eine Praxis unterhält, auch über eine digitale Heimakte mit den Pflegekräften aus. Landgraf erhält so taggleiche Informationen über alle gesundheitlichen Auffälligkeiten bei den Bewohnern. Sie kann schnell darauf reagieren und Rückmeldung an das Pflegepersonal geben. „Das ist eLearning jeden Tag.“

Auch für die Pflegekräfte zahle sich das Heimarzt-Modell aus, sagt Landgraf. Dank eines festen Hausarztes im Heim bestehe die Möglichkeit zu kontinuierlicher Teamarbeit.

„Es gibt einen gemeinsamen Versorgungsstandard, und wir tauschen uns in Fallkonferenzen regelmäßig aus. Die Pflegekräfte haben es mit einem zuverlässig erreichbaren Hausarzt zu tun, dem sie nicht hinterher telefonieren müssen. Das spart Zeit und Nerven, was angesichts der personellen Unterbesetzung in vielen Heimen zumindest ein wenig Entlastung bringt“, zählt Landgraf die Vorteile des Berliner Modells auf. Sie selber habe dank der Kooperation obendrein einen festen Patientenstamm. Die Hausärztin findet deshalb, dass das „Berliner Projekt“ Schule machen sollte.

Fallbesprechungen mit der Pflege.

Das sehen die Partner des Projekts, darunter die AOK Nordost und die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Berlin, genauso. Das 1998 aus der Taufe gehobene Modell, bei dem sich feste Hausärzte um die Bewohner eines Pflegeheimes kümmern, könne Blaupause für eine funktionierende heimärztliche Versorgung in ganz Deutschland sein, sind sie überzeugt.

„Angestellte und kooperierende Ärzte stellen im Berliner Projekt eine ausgedehnte medizinische Rund-um-die-Uhr-Versorgung der Heimbewohner sicher – inklusive wöchentlicher Stationsvisiten sowie regelmäßiger interdisziplinärer Fallbesprechungen mit den Pflegekräften“, sagt Frank Ahrend, Mitglied der Geschäftsleitung der AOK Nordost und dort auch zuständig für den Bereich Pflege. Eine Ausweitung des Modells lohne sich für alle Beteiligten – Einrichtungen, Bewohner und Ärzte. „Und der Druck, die heimärztliche Versorgung voranzubringen, wächst.“

Gebot wird Pflicht.

Tatsächlich sieht das seit Januar 2019 geltende Pflegepersonal-Stärkungsgesetz eine engere Kooperation zwischen Heimen und Hausärzten vor. Dazu sollen die rund 11.000 Pflegeheime Verträge mit niedergelassenen Ärzten schließen. Findet eine Pflegeeinrichtung keinen Arzt, müssen die Kassenärztlichen Vereinigungen binnen drei Monaten Vertragsabschlüsse vermitteln. Details regelt Paragraf 119b im Fünften Sozialgesetzbuch. Aus dem Heimarzt-Gebot ist dort eine Heimarzt-Pflicht geworden. Der Gesetzgeber verspricht sich davon eine bessere ärztliche Betreuung der bundesweit gut 800.000 Heimbewohner. Die Pflegekräfte wiederum erhielten feste Ansprechpartner auf ärztlicher Seite.

Auf Grundlage des „Berliner Projekts“ wurde 2007 das zweite Arzt-im-Pflegeheim-Projekt (AiP) „careplus“ in Berlin auf den Weg gebracht. Mit der Fusion zur AOK Berlin-Brandenburg im Jahr 2010 kam es auch nach Brandenburg. Die AOK Mecklenburg-Vorpommern startete 2008 mit dem Projekt „Pflegeheim Plus“. Mit der zweiten Fusion 2011 zur AOK Nordost wurden alle drei Pflegeheimverträge der Gesundheitskasse übernommen. Aktuell sind in den drei Ländern 4.738 Versicherte in knapp 140 vollstationären Pflegeeinrichtungen in die Programme eingeschrieben. Das entspricht etwa zwölf Prozent der bei der AOK Nordost versicherten Pflegeheimbewohner. Sie werden von 245 hausärztlich tätigen Ärzten betreut.
 

 Weitere Informationen über das Berliner Projekt

Dass das überfällig ist, darauf weisen Mediziner und Pflegeforscher seit Längerem hin. Sie merken an, dass die heimärztliche Versorgung trotz vieler Einzelverträge zwischen Heimen und Ärzten noch immer recht phlegmatisch laufe. Nur in den wenigsten Fällen sei eine 24-Stunden-Versorgung an sieben Tagen die Woche („24/7“) sichergestellt. Vor allem an den Wochenenden fehle häufig ein Arzt. Passiere dann etwas, komme es nicht selten zu unnötigen und kostspieligen Einweisungen ins Krankenhaus. Um die heimärztliche Betreuung zu verbessern, brauche es daher feste Heimärzte – in Anstellung oder Kooperation, so der Rat der Experten.

Der Zustand, dass sich 40 und mehr Hausärzte um 100 Heimpatienten kümmerten, sei dagegen wenig zielführend. Die Einrichtungen sollten vielmehr einen verantwortlichen Heimarzt – inklusive Vertretung – organisieren. Die Bewohner könnten diese dann freiwillig als ihre ärztlichen Versorger wählen.

Ursprung im früheren Westberlin.

Die Partner des „Berliner Projekts“ sehen sich angesichts solcher Befunde in ihrer Arbeit bestätigt – und empfehlen sich als Vorbild für andere Regionen. Dabei hat die Genese des Projekts viel mit den Gegebenheiten vor Ort zu tun. So entwickelte sich das Heimarzt-Projekt aus einer Besonderheit im früheren Westberlin heraus: Dort existierten seit den 1970er Jahren Kliniken mit Abteilungen für chronisch Kranke und Krankenheime.

Mit der zweiten Stufe der Pflegeversicherung 1996 wurden die Krankenheime und die Abteilungen für chronisch Kranke in Pflegeheime umgewandelt. Die ärztliche Versorgung der Pflegebedürftigen musste ab sofort ambulant erfolgen. Als Antwort entstand 1998 das „Berliner Projekt“. 2011 wurde die Rahmenvereinbarung durch ein Rechtskonstrukt auf selektivvertraglicher Grundlage abgelöst. Das Projekt läuft ohne Befristung und gilt für alle stationären Pflegeeinrichtungen im Bereich der KV Berlin. In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern laufen bereits Nachahmer-Projekte (siehe Kasten).

Harald Möhlmann, Berater des Vorstands der AOK Nordost, sieht eine Voraussetzung für den Erfolg des Modells in einem „gemeinsamen Mikromanagement“ von Krankenkassen, KVen und Pflegeeinrichtungen. „Es braucht diese drei Säulen. Und es braucht personelle Ressourcen, Herzblut und eine Portion gegenseitiges Vertrauen. Mal schnell einen Vertrag aufsetzen, das reicht nicht.“

Die Anstrengungen zahlten sich aber aus, betont Möhlmann. Neben Einsparungen in Höhe von zuletzt jährlich rund vier Millionen Euro, die reinvestiert würden, erziele das „Berliner Projekt“ auch eine „schöne Qualitätsrendite“. Dazu zählten weniger Klinikaufenthalte und ein besser abgestimmtes Medikationsmanagement für die Senioren.

Gertrud Haase jedenfalls lässt nichts auf ihre Heimärztin kommen. Zu ihrem 100. Geburtstag will sie Irmgard Landgraf zu Kaffee und Kuchen einladen – aber erst, wenn die Feierlichkeiten mit der Verwandtschaft vorbei sind.

Thomas Hommel ist Chefreporter der G+G.
Stefan Boness ist freier Fotograf.