Für Sie gelesen 4

Cover Nichtwissen stört mich (nicht)
Medizinbetrieb

Strategien bei Wissenslücken

Ärzte als Halbgötter in Weiß, Pflegekräfte, die alles im Griff haben – in der Gesellschaft herrscht großes Vertrauen in die Arbeit der weißen Berufsgruppe. Doch täglich müssen sie für das Leben von Patientinnen und Patienten weit­reichende Entscheidungen treffen, selbst wenn sie sich nicht sicher sind. Mitunter kann sich ihr Handeln am Ende als falsch herausstellen. Wie gehen die Akteure in Medizin und Pflege damit um, wenn sie nicht mehr weiter wissen? Welche Rolle spielt die Organisation, das heißt, gibt es Unterschiede beim Umgang von Nicht­wissen innerhalb sowie zwischen Pflegenden und Ärzteschaft? Diesen Fragen sind die Soziologinnen Maximiliane Wilkesmann und Stephanie Steden nachgegangen. In ihrem Buch stellen sie zunächst den aktuellen Stand zu Nichtwissen und Unsicherheit dar. Auf Grundlage der Strukturen im Gesundheitssektor beleuchten sie anschließend die Einflussfaktoren auf den Umgang mit Nichtwissen. Wie Pflegende und Ärzteschaft selbst ihr eigenes Nichtwissen und das anderer erleben und bewerten, zeigen ausführliche Interviewbeiträge im empirischen Teil des Werkes, die abschließend vertiefend analysiert werden. Den Autorinnen ist es damit gelungen, ein im Klinikalltag vernachlässigtes, aber bedeutsames Thema in den Fokus zu rücken.
Maximiliane Wilkesmann, Stephanie Steden (Hrsg.): Nichtwissen stört mich (nicht). 2019. 292 Seiten. 44,99 Euro. Springer Fachmedien, Wiesbaden.

Cover Die digitale Transformation der Pflege
Pflege

Smarte Technik als zusätzliche Hilfe

Längst hat die Digitalisierung Einzug in die Pflege gefunden und wird diese nachhaltig verändern. Besonders in der Robotik sind zahlreiche Systeme entwickelt worden, welche Entlastung im Alltag der Pflege schaffen. Beispiele sind fahrerlose Transportsysteme, die den Pflegekräften Laufwege abnehmen, Tele­präsenz- und Diagnoseroboter, die ein Gespräch mit einem Arzt herstellen können und nicht zuletzt emotionale Roboter, die für die Unter­haltung der zu Pflegenden sorgen. Auch die smarte Technik gewinnt zunehmend an Bedeutung, wie intelligente Pillreminder, die an die Einnahme von Medikamenten erinnern, Bewegungssensoren oder integrierte Licht-Leit-Systeme zur besseren Orien­tierung. Die Chancen, die sich durch den Einsatz bieten, sind groß. Doch auch Risiken und Grenzen gilt es, im Auge zu behalten. Die Ängste und Sorgen der Pflegebedürftigen erfordern auch im heutigen Zeitalter persönlichen Kontakt, Wärme und Zuwendung. Zahlreiche Fragen zum Datenschutz, zur IT-Sicherheit und zur Haftung sind unbeantwortet. In dem vorliegenden Buch beleuchten zahlreiche Autorinnen und Autoren aus Politik, Wirtschaft, Medizin und Pflege aus ihrer Sicht und praxisorientiert die Chancen und Risiken der Digitali­sierung für die Pflege.
Arno Elmer, David Matusiewicz (Hrsg.): Die Digitale Transformation der Pflege. 2019. 250 Seiten. 39,95 Euro. MWV Medizinisch Wissenschaft­liche Verlagsgesellschaft, Berlin.

Cover Unterwegs. Älter werden in dieser Zeit
Senioren

Geschenk der freien Zeit

Nach den aktuellen Daten des Statischen Bundesamtes haben hierzulande Männer bei der Geburt eine Lebens­erwartung von ungefähr 78 Jahren. Frauen werden im Durchschnitt sogar 83 Jahre alt. Die Bürgerinnen und Bürger leben damit heute deutlich länger als in früheren Zeiten und sind häufig dank verbesserter Medizin und Hygiene relativ gesund. Mit dem Eintritt in die Rente erhalten Senioren einen unbezahlbaren Schatz: Zeit. Für den ehema­ligen SPD-Parteivorsitzenden, Bundesminister und heutigen Vorsitzenden der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen, Franz Müntefering, ergibt sich mit dieser wertvollen Zeit die Gelegenheit, aktiv zu sein und sich für das gesellschaftliche Miteinander zu engagieren. In seiner Biografie „Unterwegs“ blickt Müntefering nicht nur zurück auf sein bewegtes politisches Leben, sondern beschreibt anschaulich, wie sich nun sein Leben im Älterwerden und Altsein verändert. Dabei verschweigt er nicht die heutigen Herausforderungen des Alters, wie Einsamkeit, Armut, Erkrankung und Abschied. Doch in der Ecke zu sitzen und zuzuschauen, ist nicht Münteferings Sache. Sein Slogan lautet: „Wir mischen mit!“ Denn Ältere seien nicht das Problem, sondern die Lösung. Also: „Fangt an!“
Franz Müntefering: Unterwegs. Älter werden in dieser Zeit.2019. 224 Seiten. 22 Euro. Verlag J.H.W. Dietz, Bonn.

Cover Die Vermessung der Psychiatrie
Psychiatrie

Therapiestandards sind Fehlanzeige

Die Evidenz hat in der Medizin einen festen Stand. Jeder Patient soll individuell auf Basis der besten zur Verfügung stehenden Studiendaten versorgt werden. Auch die klinische Psychiatrie mit ihrem Auftrag, Menschen mit psychischen Erkrankungen zu versorgen, hält zahlreiche, als evidenzbasiert beworbene Therapien bereit. Bei genauerem Hinsehen jedoch, so der Psychiater und Psychotherapeut Stefan Weinmann, zeige sich, dass dieser Auftrag von psychiatrischen Einrichtungen sehr unterschiedlich wahr­genommen werde. Trotz des Versuchs, Standards in der Psychiatrie zu etablieren, sei die Behandlungsvarianz groß. Das Schicksal von psychisch kranken Menschen hänge entscheidend davon ab, wo und bei wem sie behandelt werden. Doch ist eine evidenzbasierte psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung überhaupt sinnvoll und zielführend? Versperrt nicht die individuelle Prägung jedes Menschen eine standardisierte Therapie? Stefan Weinmann geht diesen Fragen nach und beleuchtet kritisch die gegenwärtigen Behandlungsoptionen für psychische Erkran­kungen. Er fordert einen radikalen Paradigmenwechsel in der Psychiatrie und eine Stärkung individualisierter Therapieformen.
Stefan Weinmann: Die Vermessung der Psychiatrie. 2018. 288 Seiten. 25 Euro. Psychiatrie Verlag, Köln.

Beate Ebbers ist freie Journalistin in Peine.
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