Multimedikation

Debatte: Einblick in die Pillendose

Rund die Hälfte der Patienten über 65 Jahren nimmt fünf oder mehr Arzneimittel ein. Damit steigt das Risiko von Wechselwirkungen, warnt Prof. Dr. Marjan van den Akker. Die Epidemiologin empfiehlt, mithilfe digitaler Systeme für bessere Übersicht über die Medikation zu sorgen.

Die Weiterentwicklung

der medizinischen Versorgung trägt dazu bei, dass wir insgesamt länger leben. Auch enden akute Erkrankungen seltener tödlich. Folglich steigt die Anzahl der Patientinnen und Patienten mit Mehrfacherkrankungen. Meistens werden diese Erkrankungen nach den vorliegenden krankheitsspezifischen Leitlinien behandelt. Diese berücksichtigen potenzielle Interaktionen jedoch kaum. Infolgedessen kommt mit jeder chronischen Erkrankung durchschnittlich mindestens ein Dauermedikament hinzu.

Fachärzte stimmen Verordnungen häufig nicht ab.

In Deutschland nimmt laut epidemiologischen Studien ungefähr die Hälfte der Patienten über 65 Jahren fünf oder mehr Medikamente dauerhaft. Meistens verschreiben verschiedene Fachärzte diese Arzneimittel und stimmen sie häufig nicht gut aufeinander ab. Die Folgen sind Stürze, Krankenhausaufenthalte, eingeschränkte Lebensqualität und niedrigere Therapietreue, aber auch überforderte Mediziner.

Obwohl eine Multimedikation oft angezeigt ist, ist es wichtig sich darüber im Klaren zu sein, dass man bei fünf oder mehr Wirkstoffen die Wirkungen und Interaktionen nicht mehr einschätzen kann. Auch wenn (zusätzliche) medikamentöse Verordnungen gut gemeint sind, sollten Ärztinnen und Ärzte das Prinzip „primum non nocere“ (zuerst einmal nicht schaden) im Auge behalten.

Weil sich im Alter die Aufnahme, Verteilung, Umsetzung und Ausscheidung von Arzneimitteln verändern, sind speziell ältere Patientinnen und Patienten von Interaktionen und unerwünschten Wirkungen betroffen. Kritisch kann es zum Beispiel nach einem Krankenhausaufenthalt werden: Nicht immer ist für Patienten nach der Entlassung eindeutig geklärt, welche im Krankenhaus neu verordneten Medikamente und welche vor dem Klinikaufenthalt bestehende Medikation sie weiter nehmen sollen.

Auch Veränderungen der Lebenssituation, wie zum Beispiel eine schwere Erkrankung des Ehepartners, können eine Gefahr darstellen, etwa wenn Menschen ihren Fokus auf neue Herausforderungen richten und damit die Therapietreue sinkt.

Unerwünschte Wirkungen frühzeitig erfassen.

Die erste Voraussetzung für eine ausgewogene Medikationsstrategie ist ein umfassender Überblick über die Einnahme rezeptpflichtiger und frei verkäuflicher Medikamente. Große Bedeutung haben dabei ein Medikationsplan und die Einsicht in möglichst umfassende (digitale) Patientenakten, damit Ärzte und medizinisches Fachpersonal einen Überblick über alle verfügbaren Medikationsinformationen erhalten.

Eine umfassende Information hilft, die Therapietreue zu erhöhen.

Außerdem sollten Patienten grundsätzlich in die Entscheidungsfindung mit eingebunden werden, damit ihre Präferenzen gehört und wenn möglich berücksichtigt werden können. Somit können Ärztinnen und Ärzte die Behandlung nach den Wünschen der Patientinnen und Patienten an deren Alltag anpassen. Im Falle einer Neueinstellung oder Umstellung des Medikamentes ist eine Überwachung bezüglich unerwünschter Arzneimittelwirkungen wichtig. Hierzu brauchen Patienten nicht immer in die Praxis zu kommen – dies kann auch in einem kurzen Telefonat abgefragt werden. Das frühzeitige Erkennen und Erfassen von unerwünschten Arzneimittelwirkungen kann ernsthafte Konsequenzen verhindern.

Darüber hinaus sollten Ärzte ihre Patienten so über die Arzneimitteltherapie informieren, dass diese verstehen, warum ein Medikament angezeigt ist, wie es wirkt und welche Nebenwirkungen auftreten können. Eine umfassende, laienverständliche Information hilft, die Therapietreue zu erhöhen.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit fördern.

Die Überwachung der Gesamtmedikation ist komplex. Erleichterung kann hier eine standardisierte, digitalisierte Medikamentenanalyse bringen, bei der möglichst viele Informationen aus der Patientenakte genutzt werden. Solche umfassenden digitalen Systeme werden aktuell entwickelt und evaluiert. Sie können voraussichtlich in naher Zukunft das medizinische Fachpersonal bei einer effizienteren Medikationsüberwachung unterstützen.

Darüber hinaus profitieren Patienten mit Multimedikation von einer intensiven Zusammenarbeit von Ärzten und Apothekern oder Pharmakologen. In Deutschland befindet sich eine solche interdisziplinäre Zusammenarbeit noch in den Anfängen. Um sie zu fördern, sollten schon Studierende unterschiedlicher Disziplinen einander kennen- und schätzenlernen. Dann werden sie auch in ihrem Berufsleben selbstverständlicher aufeinander zugehen können.

Marjan van den Akker ist Professorin für Multimedikation und Versorgungsforschung beim Institut für Allgemeinmedizin an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt/Main.
Bildnachweis: Foto Startseite iStock/KatarzynaBialasiewicz
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