Ausbildungsreform

„Therapeut wäre Etikettenschwindel“

Mit der Reform der Psychotherapeuten-Ausbildung schafft der Gesetzgeber einen neuen Heilberuf, sagt Dr. Christian Messer. Der Arzt und Psychotherapeut fordert eine Diskussion über den damit verbundenen Strukturwandel.

Herr Dr. Messer, worum geht es bei den geplanten Änderungen der Psychotherapeutenausbildung?

Dr. Christian Messer: Künftig soll es reichen, Psychologie zu studieren, um psychisch kranke Menschen behandeln zu dürfen. Bisher ist das spezialisierten Ärzten, Psychologischen Psychotherapeuten sowie Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten vorbehalten. Diese durchlaufen zuvor eine umfangreiche Weiterbildung, in der sie eines der vier wissenschaftlich anerkannten Verfahren, wie beispielsweise Psychoanalyse oder Verhaltenstherapie erlernen. Der Gesetzgeber schafft nun einen neuen Heilberuf, der in Kliniken, Praxen oder Beratungsstellen tätig werden darf – ohne eine therapeutische Weiterbildung.

Porträt von Christian Messer

Zur Person

Dr. Christian Messer, Facharzt für Psychosomatische Medizin, Psychotherapeut und Psychoanalytiker mit Praxis in Berlin, ist Präsident des Bundesverbandes Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (BDPM).

Warum kritisieren Sie die Reform?

Messer: Der approbierte Heilberufler, wie ihn das Gesetz vorsieht, wird nach dem Psychologie-Studium ohne hinreichende therapeutische Kompetenzen auf Patienten losgelassen. Das ist eine strukturelle Reform des Versorgungssystems, die man wollen kann, aber auch benennen muss. Der neue Heilberufler sollte nicht Therapeut heißen, sondern Psychologe. Alles andere wäre Etikettenschwindel.

Welche Interessen stehen dahinter?

Messer: Da Psychotherapie bisher an außeruniversitären Instituten gelehrt wird, bekommen die Professoren an den Universitäten mit der Reform mehr Macht. Außerdem wird die Reform der Kammer der Psychologischen Psychotherapeuten mehr Bedeutung verschaffen, denn sie ist für die Weiterbildung zuständig. Auch die Kliniken der Psychiatrie und Psychosomatik profitieren, denn die Klinikvergütung hängt von der Zahl der approbierten Beschäftigten ab.

Der neue approbierte Heilberufler, wie ihn das Gesetz vorsieht, sollte Psychologe heißen.

Zudem will der Gesetzgeber die prekären Verhältnisse der jetzigen Ausbildungskandidaten ändern. Dafür brauchen wir aber keinen neuen Heilberuf. Wenn eine Klinik einen Akademiker einstellt, der als Psychologe arbeitet, sollte sie den auch entsprechend bezahlen.

Die meisten Patienten sehen zwischen einem Psychologen und einem Psychotherapeuten vermutlich kaum einen Unterschied.

Messer: Wenn das stimmt, muss die Politik ordnend eingreifen. Jetzt passiert aber das Gegenteil: Ich bin nach dem Gesetz weiterhin Psychotherapeut. Künftig gilt die gleiche Berufsbezeichnung auch für jemanden, der Psychologie studiert hat und gerade von der Uni kommt. Das ist für Patienten verwirrend.

Woran können Patienten erkennen, welcher Therapeut für sie geeignet ist?

Messer: Die Hausärzte haben dabei eine wichtige Funktion. Sie bieten eine psychosomatische Grundversorgung und sind die ersten Ansprechpartner. Außerdem müssen Psychotherapeuten, bevor eine Therapie beginnt, mit dem Patienten klären, wer der richtige Behandler ist.

Wie lässt sich messen, dass eine Psychotherapie wirkt und Erfolg hat?

Messer: Das ist schwierig: Es fehlen Normalbereiche und mitunter kommt es zu paradox erscheinenden Effekten. In einer Studie mit 10.000 ambulanten Patienten haben wir festgestellt, dass sich nach Anwendung eines psychodynamischen Verfahrens die Symptome nach einem Jahr subjektiv verschlechtern können – weil die Patienten ein Problembewusstsein entwickeln. Im zweiten Jahr ging dann die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage und der Arztkontakte signifikant zurück.

Änne Töpfer führte das Interview. Sie ist verantwortliche Redakteurin der G+G.
Bildnachweis: privat
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