Jürgen
Vorstand gefragt!

„Wir brauchen stabile Strukturen statt Flickschusterei“

Das Gesundheitsministerium bringt Gesetze am laufenden Band auf den Weg. Nicht Menge, sondern Qualität zählt aus Sicht des Vorstandsvorsitzenden der AOK Niedersachsen. Dr. Jürgen Peter fordert deshalb Strukturreformen statt Flickschusterei.

G+G: Ersetzen Roboter bald den Arzt? Wie ist ein würdiges Lebensende möglich? Fragen wie diese thematisiert die AOK Niedersachsen aktuell im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Gesundheitsfrequenzen“. Dr. Peter, was sind aus Ihrer Sicht die drängendsten Zukunftsthemen im Gesundheitswesen?

Jürgen Peter: Wir wollen mit unserer Veranstaltungsreihe bewusst über den Tellerrand hinaus schauen. Beispielsweise haben auch Umwelt-, Mobilitäts- oder soziale Themen – ob direkt oder indirekt – großen Einfluss auf unsere Gesundheit. Deshalb müssen wir Gesundheit insgesamt ganzheitlicher und systematischer betrachten. In der Veranstaltungsreihe machen wir das und behandeln dabei viele gesellschaftlich relevante Themen, die manchmal auch sehr emotional sein können. Die aktuell drängendsten Zukunftsthemen im Gesundheitssystem sind allerdings andere: die Pflege sowie die stationäre und ambulante Versorgung – die Politik muss die Herausforderungen in diesen Bereichen strategisch angehen.

G+G: Welche Herausforderungen sind das?

Peter: In der Pflegeversicherung brauchen wir eine nachhaltige Finanzreform. Wir brauchen auf der einen Seite eine Dynamisierung der Pflegesätze, damit die wertvolle Pflegearbeit auch angemessen bezahlt wird. Dabei darf aber auf der anderen Seite der Eigenanteil nicht weiter steigen, da die Versicherten sonst die Pflegekosten nicht mehr tragen können. Hier ist die Politik in der Pflicht, mit Steuerzuschüssen regulierend einzugreifen und soziale Härten abzufedern. Im Krankenhausbereich ist eine Strukturreform überfällig, die einerseits die Grundversorgung in ländlichen Regionen sichert und auf der anderen Seite eine Spezialisierung vorantreibt, die Qualität und moderne Spitzenmedizin sichert.

In der ambulanten Versorgung müssen wir hingegen den – insbesondere in ländlichen Bereichen – drohenden Ärztemangel sektorenübergreifend lösen. Dazu zählt auch, dass wir über die doppelte Facharztschiene sprechen müssen. Ein weiteres Nebeneinander von ambulanten und stationären Fachärzten könnte angesichts des Personalmangels auf dem Land zum Problem werden.

G+G: Namhafte Experten schlagen vor, die Kliniklandschaft in Niedersachsen nach dänischem Vorbild radikal umzubauen. Sie gehen davon aus, dass 36 statt der bisherigen 172 Kliniken ausreichend wären. Ist das für ein Flächenland wie Niedersachsen der richtige Weg oder geriete dadurch die wohnortnahe Versorgung in Gefahr?

Peter: Ich bin der Meinung, dass wir das differenziert betrachten müssen. Nicht jedes Krankenhaus muss jede Leistung anbieten. In Ballungsgebieten mit hoher Klinikdichte stellt sich daher zurecht die Frage, ob dort jedes kleine Krankenhaus gebraucht wird. Im ländlichen Raum aber – gerade in einem Flächenland wie Niedersachsen – können zumindest einige dieser Kliniken für die Sicherstellung der medizinischen Versorgung sehr wichtig sein. Wir brauchen deshalb einen sinnvollen Mix aus kleineren Kliniken, die die wohnortnahe Grundversorgung abdecken und hochspezialisierten modernen Kliniken, die eine Spitzenmedizin auf internationalem Top-Niveau anbieten können. Eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Studie zeigt klar auf, dass schwere Erkrankungen wie Herzinfarkte und Schlaganfälle in hoch spezialisierten Krankenhäusern mit modernster Medizintechnik deutlich besser behandelt werden. Die Überlebenschancen der Patienten sind dort signifikant besser.

G+G: Was bedeutet das für die Rolle und Überlebensfähigkeit kleinerer Krankenhäuser?

Peter: Einige kleinere Krankenhäuser müssten sich spezialisieren, andere könnten, wie schon gesagt, in ländlichen Gebieten die Grundversorgung sicherstellen. Dafür bräuchten sie jedoch die Erlaubnis, künftig auch ambulante Behandlungen anbieten zu können. Damit das möglich ist, muss das bisherige Finanzierungssystem angepasst werden. Die von der Großen Koalition eingesetzte Bund-Länder-Arbeitsgruppe „Sektorenübergreifende Versorgung“ beschäftigt sich zurzeit intensiv mit dieser Frage. Ich bin zuversichtlich, dass dieses Problem gelöst werden kann.  

G+G: Durch die zahlreichen Gesundheitsgesetze kommen in den nächsten Jahren zusätzliche Ausgaben in Milliardenhöhe auf die Kassen zu. Brauchen wir eine andere Finanzierungsgrundlage für unser Gesundheitssystem?

Peter: Nein, absolut nicht. Das bisherige Finanzierungssystem der gesetzlichen Krankenversicherung ist eine Erfolgsgeschichte, die Finanzen sind in der GKV schon seit mehr als einem Jahrzehnt sehr stabil. Derzeit ist sehr viel Geld im System. Wir müssen allerdings die Ausgaben verstärkt in den Blick nehmen und das vorhandene Geld noch effizienter einsetzen. Die aktuelle Ausgabenentwicklung sollte man nicht unterschätzen: Prognostizierte Mehrausgaben von rund 23 Milliarden Euro bis 2022, die durch neue Gesetzgebungen auf das Gesundheitssystem zukommen, sorgen dafür, dass die Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben bei den gesetzlichen Kassen wieder auseinander geht.

G+G: Ob Digitalisierung, MDK-Reformgesetz oder bundesweite Öffnung der Regionalkassen – sind die aktuellen Gesetzentwürfe mit so schön klingenden Namen wie „Faire-Kassenwahl-Gesetz“ tatsächlich immer im Sinne der Versicherten?

Peter: Im Sinne der Versicherten sind eigentlich immer zwei Punkte: bezahlbare Beiträge und eine möglichst hohe Versorgungsqualität. Schaut man sich die angesprochenen Gesetze genauer an, muss man leider feststellen, dass sie die großen Themen der Zukunft nicht systematisch angehen. Um die Sozialsysteme – Renten-, Pflege-, Krankenversicherung – unter den gegebenen demografischen Bedingungen nachhaltig zu finanzieren und vor allem die Qualität der Versorgung weiter zu verbessern, müssen wir mit den vorhandenen Ressourcen wirtschaftlicher umgehen. Die Mittel müssen effektiver eingesetzt werden, etwa um Digitalisierung und Innovationen in der Medizin dort voranzutreiben, wo sie den Patienten nutzen. Es bringt nichts, in ineffiziente Strukturen immer mehr Geld hineinzupumpen. Statt ständiger Flickschusterei sollte die Politik endlich solide Strukturreformen einleiten.

G+G: Lassen wir die Realität mal einen Moment lang außen vor: Wenn alles möglich wäre, wie sähe dann das Idealbild Ihres Gesundheitssystems aus?

Peter: Im Grunde ist mein Wunschbild ganz einfach: Wir müssten die Perspektive der Versicherten stärker in den Fokus rücken und nicht mehr die Einzelinteressen verschiedener Akteure. Es gäbe einen fair geregelten Wettbewerb, in dessen Rahmen sich die Leistungen durchsetzen, die für den Patienten am besten sind. Und ja, ich träume immer noch davon, dass wir irgendwann mal keine Mondpreise mehr an die Pharmaindustrie zahlen und stattdessen Innovationen gezielt fördern, damit wir schwere Krankheiten heilen können.

Karola Schulte führte das Interview. Sie ist Chefredakteurin der G+G.
Bildnachweis: AOK Niedersachsen
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