Johannes
Vorstand gefragt!

„Für gute Lösungen braucht man Mitstreiter“

Personalmangel in der Pflege, Überkapazitäten im Krankenhaus und Versorgung in ländlichen Regionen – Herausforderungen bietet das Gesundheitswesen mehr als genug. Lösen lassen sich die komplexen Probleme nicht im Alleingang, ist Johannes Bauernfeind, Vorstandsvorsitzender der AOK Baden-Württemberg, überzeugt.

G+G: Herr Bauernfeind, Sie sind seit Anfang 2020 Vorstandsvorsitzender der AOK Baden-Württemberg. Welche Erfahrungen haben Sie von Ihren früheren Stationen bei der AOK mit nach Stuttgart gebracht?

Johannes Bauernfeind: Ich kenne das Gesundheitswesen aus verschiedenen Perspektiven. Als Geschäftsführer einer Bezirksdirektion habe ich beispielsweise direkt mit den Leistungserbringern vor Ort gesprochen und mit ihnen nach Lösungen gesucht, nicht mit deren Verbänden. Ich habe auch ganz unmittelbar mitbekommen, mit wie viel Engagement sich beispielsweise die Ärzte um unsere Versicherten bemühen – und wie sie von der Bundespolitik auch immer wieder Steine in den Weg gelegt bekommen. Mir ging es immer darum, die Interessen meiner Gesprächspartner zu kennen. Denn wenn man nach guten Lösungen sucht, braucht man Mitstreiter. Man muss wissen, welche Interessen diese Menschen haben, was sie bewegt, wo ihre Nöte sind. Nur wenn man aufeinander zugeht, kann man gemeinsam gute Lösungen finden.

G+G: Was sind aus Ihrer Sicht die dringlichsten Probleme bei der Versorgung der Versicherten in Baden-Württemberg?

Bauernfeind: Ob bei Pflegekräften, Therapeuten oder bei Ärzten – überall spüren die Menschen den massiven oder beginnenden Mangel an dringend benötigten Fachkräften. Und das gilt sowohl für die ambulante als auch für die stationäre Pflege und die Kliniken. Hier sehe ich den größten Handlungsbedarf, da die bisherigen Ansätze der Bundesregierung kaum Wirkung gezeigt haben. Laut dem Care Klima-Index des deutschen Pflegerats bewerten 56 Prozent der Pflegekräfte ihre Arbeitsbedingungen als schlecht – und das, obwohl jeder vierte nach eigenen Angaben übertariflich bezahlt wird. Es reicht also nicht aus, allein bei der Bezahlung anzusetzen. Stattdessen sollten wir uns viel stärker auf die konkreten Arbeitsbedingungen in den Pflegeeinrichtungen konzentrieren. Generelle Versorgungssicherheit und gute Arbeitsbedingungen werden wir nur in Allianzen aller verantwortlichen Akteure erreichen. Ein weiteres drängendes Problem ist der sich abzeichnende Ärztemangel in den ländlichen Regionen, nicht nur bei Haus-, sondern auch bei Facharztverträgen.

G+G: Die AOK hat im vergangenen Jahr die Initiative Stadt. Land. Gesund. gestartet. Welche Impulse wollen Sie setzen, um die Gesundheits- und Pflegeversorgung auch in dünn besiedelten Regionen zu sichern?

Bauernfeind: Je nach Fachrichtung sind auf dem Land 50 Prozent und mehr der Ärzte über 60 Jahre alt. In den nächsten fünf bis acht Jahren gehen sie nach und nach in den Ruhestand. Mit dem Hausarzt- und Facharztprogrammen der AOK Baden-Württemberg sorgen wir flächendeckend im Südwesten für eine gute Verzahnung von Haus- und Fachärzten und können so die Auswirkungen des Ärztemangels in strukturschwachen Räumen deutlich abmildern. Wir bauen deshalb auch unser Facharztprogramm kontinuierlich aus. In diesem Jahr kommen mit dem Nephrologie-, Pneumologie- und HNO-Vertrag drei weitere Fachgebiete hinzu.  

G+G: Welche Rolle können digitale Lösungen spielen, sowohl bei der Versorgung in dünn besiedelten Gebieten als auch mit Blick auf die alternde Gesellschaft?

Bauernfeind: Digitale Technik und Telemedizin machen es deutlich leichter, die ärztliche Kompetenz zum Patienten zu bringen, ohne dafür weite Wege zurücklegen zu müssen. Davon profitieren gerade ältere Menschen, die nicht mehr so mobil sind. Hausärzte können sich auf digitalem Wege schnell und einfach mit Fachärzten vernetzen. Unser Projekt TeleDerm ist dafür ein Beispiel: Sieht der Hausarzt bei seinem Patienten aufgrund von Hautveränderungen diagnostischen Bedarf, schickt er digitale Aufnahmen an einen teilnehmenden Dermatologen. Viele Präsenzbesuche beim Facharzt können auf diese Weise entfallen und das schafft Kapazitäten für dringliche Fälle.

G+G: Wie stehen Sie dem Umbruch der Krankenhauslandschaft in Deutschland gegenüber?

Bauernfeind: Wir haben in Deutschland zu viele Kliniken, da sind sich alle Experten einig. Bei uns in Baden-Württemberg hat fast die Hälfte unserer Kliniken weniger als 100 Betten. Leider ist die Qualität in kleinen Kliniken mit großem Leistungsspektrum regelmäßig schlechter als in spezialisierten Zentren, die bestimmte Operationen hunderte Mal im Jahr durchführen. Wir brauchen deshalb mehr Spezialisierung in den Krankenhäusern und mehr vorgegebene Mindestmengen, um die Ergebnisse zu verbessern. Ein zweiter wichtiger Aspekt ist, dass die kleinen Krankenhäuser viel ärztliches und pflegerisches Personal für relativ wenige Fälle binden. Durch die Zusammenlegung von Klinikstandorten würde also auch dringend benötigtes Personal besser eingesetzt werden können. Auch dies wäre ein Beitrag zu besseren Arbeitsbedingungen in der Pflege.

G+G: Wegen des Einsatzes des weltweit teuersten Medikaments Zolgensma ist eine neue Debatte um die Preispolitik von Pharmaherstellern entbrannt. Welche Leitplanken braucht es für ein verantwortungsbewusstes Vorgehen?

Bauernfeind: Prinzipiell müssen sich die Menschen in Deutschland darauf verlassen können, dass sie bei Bedarf das notwendige Medikament bekommen – egal was es kostet. Bei Zolgensma allerdings haben wir es mit einer sehr komplexen Situation zu tun. Der Hersteller nutzt die Situation verzweifelter Eltern aus, die zu Recht Hilfe für ihre Kinder wollen. Das Problem ist: Das Mittel ist in Europa noch nicht zugelassen. Über die vom Hersteller AveXis beantragte Zulassung in Europa wurde bisher nicht entschieden. Die der Zulassung in den USA zugrundeliegende Studienlage war sehr dünn und nach Zulassung wurden Datenmanipulationen bekannt, die nun sicher im europäischen Zulassungsverfahren untersucht werden. Der Hersteller nutzt den öffentlichen Druck aus, um die Kassen zu einer Kostenerstattung zu bewegen, Novartis gibt das Medikament jetzt ein Jahr lang gratis an weltweit 100 Kinder ab. Das ist eine ethisch fragwürdige Verlosungsaktion, bei der zudem medizinische Kriterien nicht im Mittelpunkt stehen. Verantwortungsbewusstes Handeln sieht anders aus.

G+G: Die Pharmalobby hat jüngst wieder Arzneimittel-Rabattverträge für die Lieferengpässe von Medikamenten verantwortlich gemacht. Was ist dran an dem Vorwurf?

Bauernfeind: Die Pharmalobby betreibt eine Desinformationskampagne. Die zentrale Aussage lautet, dass wegen des Preisdrucks durch deutsche Rabattverträge die Arzneimittelproduktion auf unzuverlässige Hersteller nach Asien verlagert worden sei. Das ist ein Trugschluss. Das zeigt schon allein der Umstand, dass die Pharmaindustrie einen großen Teil der Wirkstoffe schon seit mehr als drei Jahrzehnten, lange vor Einführung der Rabattverträge, in Asien produzieren lässt. Das kann auch nicht verwundern, denn Pharmaunternehmen sind Global Player und produzieren an den wirtschaftlich attraktivsten Standorten. Lösungen für Lieferprobleme finden sich woanders: Gerade die sinnvoll ausgestalteten Rabattverträge der Krankenkassen – zum Beispiel mit Klauseln zu Vertragsstrafen und Schadenersatzzahlungen – erhöhen die Liefersicherheit. Um die Versorgungssicherheit in Deutschland zu verbessern, braucht es mehr Transparenz, darum fordern wir, dass Engpässe rechtzeitig und verbindlich dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gemeldet werden müssen. Pharmazeutische Unternehmen müssen verpflichtet werden, sich ankündigende Lieferengpässe zu melden und Arzneimittelvorräte anzulegen. Wir befürworten ferner eine Weiterentwicklung des Jour fixe beim BfArM zu einem Beirat, bei dem die bedeutendsten gesetzlichen Krankenkassen einbezogen werden. Wenn diese Lösungsansätze konsequent angegangen werden, erhöht sich auch die Liefersicherheit.

Karola Schulte führte das Interview. Sie ist Chefredakteurin der G+G.
Bildnachweis: AOK Baden-Württemberg