Daniela
Vorstand gefragt!

„Die Corona-Krise wirkt wie ein Teilchen-Beschleuniger“

Auf die Bedürfnisse der Versicherten hören und vor Ort mit den Partnern neue Lösungen für eine bessere Versorgung finden: Das ist der Ansatz von Daniela Teichert, den die Vorstandsvorsitzende der AOK Nordost auch nach der Bewältigung der Pandemie weiterverfolgen will.

G+G: Frau Teichert, das deutsche Gesundheitswesen steht vor einer der größten Herausforderungen der vergangenen Jahrzehnte. Wie erleben Sie die Corona-Krise?

Daniela Teichert: Der neuartige Corona-Virus fordert die ganze Welt auf eine historische Art und Weise heraus. Deshalb bin ich sehr dankbar dafür, dass wir in Deutschland über eines der leistungsfähigsten Gesundheitssysteme verfügen und dass die Pflegerinnen und Pfleger, Ärztinnen und Ärzte und alle, die in der Medizin und Pflege arbeiten, ihre Aufgabe mit einer beeindruckenden Überzeugung und zuweilen bis an den Rand der Erschöpfung angehen. Mein herzlicher Dank – auch im Namen aller Mitarbeitenden der AOK Nordost – gilt dem medizinischen Personal.

Welche Rolle spielen in der Krise die Krankenkassen?

Teichert: Wir stehen hinter den engagierten Praxisärzten und Klinikmedizinern sowie dem Pflegepersonal. Wir werden unseren Beitrag dafür leisten, dass das Gesundheitssystem in der Krise funktioniert und keinen bleibenden Schaden nimmt. Auch die Krankenkassen stehen vor der Herausforderung dafür zu sorgen, dass das Gesundheitswesen weiterläuft, dass die Zahlungsströme funktionieren, dass den Leistungspartnern unbürokratisch in der Krise geholfen wird. Einnahmeausfälle und Mehrausgaben treffen aber auch die Kassen durch die Pandemie in großem Umfang. Wie stark genau? Das kann im Augenblick noch niemand genau sagen.

Wie bewerten Sie die Krisengesetzgebung, die in Rekordzeit durchs Parlament gebracht wurde?

Teichert: Für uns zeigt diese zügige Gesetzgebung, dass das föderale System in Deutschland auch in Krisenzeiten schnell handeln kann. Die Krankenkassen haben ihren Beitrag für die Umsetzung geleistet. Die dem Bund durch das neue Infektionsschutzgesetz zugestandenen Befugnisse müssen aber mit Augenmaß genutzt werden, um die Leistungsfähigkeit der föderalen Systeme auf Bundesländerebene für die Zeit nach der Krise nicht nachhaltig zu beschädigen.

Verfassungsrechtler haben an diesem Punkt bereits Kritik geäußert …

Teichert: … die wir – trotz aller Zeitnot – sehr ernst nehmen sollten. Auch wenn in der Krise die Stunde der Exekutive in Berlin schlägt: Sobald die Pandemie eingedämmt ist, wird es wieder darauf ankommen, mit den Partnern vor Ort Lösungen zu finden. Dabei müssen wir die regionalen Besonderheiten berücksichtigen, wie ich das bei den Zukunftsthemen unseres Gesundheitswesens schon vor der Corona-Krise betont habe.

Welche Zukunftsthemen sehen Sie?

Teichert: Im AOK-System sind wir die einzige Kasse, die für drei Bundesländer zuständig ist. Diese Struktur aus Metropole und Land ist eine besondere Herausforderung. In den Flächenländern Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern beschäftigt uns vor allem die demografische Entwicklung. Die veränderte Altersstruktur, die durch Abwanderung junger Menschen in die Zentren noch verstärkt wird, und der zunehmende Mangel an Fachkräften machen eine gute medizinische Versorgung auf dem Land schwieriger. Diese Entwicklung ist bei uns bereits im vollen Gange und wird zeitversetzt auch in den anderen Bundesländern kommen.

Wie geht die AOK Nordost damit um?

Teichert: Wir verstehen uns bewusst als Modellregion für zukünftige Netzwerk-Medizin. Die Projekte, die wir entwickeln, können später auch bundesweit als Blaupause fungieren. Im Gegensatz dazu haben wir in Berlin eher das Problem der Überversorgung. Gerade wenn es um den sogenannten Speckgürtel geht, wäre es deshalb sinnvoll, für eine größere Versorgungsregion länderübergreifend zu planen. Für Patienten und Versicherte spielen Ländergrenzen bei der Auswahl der geeigneten Versorgung zudem überhaupt keine Rolle. Das müssen wir uns auch in Zeiten von digitalen Versorgungsmöglichkeiten viel stärker bewusstmachen.

Berlin und Brandenburg harmonisieren ja seit diesem Jahr ihre Krankenhauspläne. Reicht das?

Teichert: Im Moment gilt es, den Kliniken unbürokratisch zu helfen angesichts der massiven zusätzlichen Aufgaben und Einbußen, weil planbare Eingriffe abgesagt werden. Die gesetzliche Krankenversicherung wird die Liquidität der Krankenhäuser sichern. Krankenhaus-Rechnungen prüfen wir derzeit mit besonderem Augenmaß und überweisen diese binnen fünf Tagen. Auch die Einrichtungen im Reha- sowie im Pflegebereich werden wir in dieser Situation unterstützen. Wenn dieser Ausnahmezustand bewältigt ist, werden wir wieder zu den bekannten Fragen zurückkehren müssen.

Welche sind das?

Teichert: Wir haben es mit gewachsenen Strukturen und komplexen Problemen zu tun. Ich bin zugleich sicher, dass wir aus der Krisensituation für die Krankenhausstrukturen wertvolle Erkenntnisse ziehen können. Das Patientenwohl bleibt der wichtigste Maßstab. Schon vor der Krise wussten alle Akteure, dass wir neue Wege gehen müssen, um gemeinsam überzeugende Versorgungsmodelle zu entwickeln und umzusetzen. Auf lange Sicht müssen wir uns vom Sektorendenken völlig lösen, denn es ist nicht mehr zeitgemäß. Wir müssen viel verzahnter denken. Gerade infolge der Corona-Pandemie werden wir lernen, wie uns die Vernetzung im Gesundheitswesen helfen kann.

Wie könnten solche Versorgungsmodelle aussehen?

Teichert: Zum Beispiel so wie das Modellprojekt „Strukturmigration im Mittelbereich Templin“ (StimMT). Hier hat die AOK Nordost mit Partnern ein ambulant-stationäres Gesundheitszentrum gegründet. Es ist eines der herausragenden Innovationsfonds-Projekte und hat es als nachahmenswertes Projekt sogar in den Koalitionsvertrag geschafft. Unser Ziel ist es, in dieser ländlichen Region Brandenburgs trotz demografischen Wandels und Fachkräftemangel die Gesundheitsversorgung auf einem hohen Level zu sichern. Mit dem Gesundheitszentrum haben wir es erstmals geschafft, die Sektorengrenzen zu überwinden. Das ist ein echter Meilenstein.

Die AOK Nordost gilt als Treiberin der Digitalisierung. Wie wollen Sie mit Hilfe digitaler Konzepte die Versorgung verbessern – in Stadt und Land?

Teichert: Auch hier holt die Corona-Krise den Versorgungsalltag ein: Wir bauen aktuell unsere bestehenden Videosprechstunden im AOK-Centrum für Gesundheit in Berlin massiv aus, die auch Versicherte von außerhalb nutzen können. Wir schaffen Angebote, wo es sinnvoll ist, etwa für Schwangere und übernehmen die Kosten für digitale Geburtsvorbereitungskurse. Dass wir die digitale Vernetzung zwischen Ärzten, Kliniken und Patienten brauchen, konnten wir bereits in Pilotprojekten für das digitale Gesundheitsnetzwerk der AOK erfahren. Mit Vernetzung wollen wir für alle Beteiligten mehr Transparenz über die medizinische Behandlung schaffen und die Qualität der Patientenversorgung verbessern. Digitale Ansätze helfen uns auch künftig in der Gesundheitsversorgung und Pflege: Sie machen insbesondere bei chronischen Krankheiten Sinn, wo eine engmaschige Langzeitbetreuung wichtig ist und die Spezialisten oft nicht vor Ort sind. Erfolgreiche Versorgungsprogramme sind hier etwa AOK-Curaplan Herz Plus und das Emperra-Programm für Diabetiker. Erst im März ist eine neue Kooperation mit der Charité gestartet. Im MACCS-Telemedizin-Projekt werden Nierentransplantierte nach dem Eingriff begleitet.

Sie kennen die AOK Nordost aus verschiedensten Positionen heraus genau. Wie erleben Sie die Krankenkasse in diesen Tagen?

Teichert: Es gibt zwei Perspektiven: Ich habe 1990 als Sozialversicherungsfachangestellte im Servicecenter der AOK in Cottbus angefangen und setze mich auch heute noch regelmäßig an unser Servicetelefon und höre zu, was unsere Versicherten bewegt und was sie brauchen. Das gilt umso mehr in einer Krise wie dieser: So ist es mir nicht leichtgefallen, die Servicecenter für die persönliche Beratung zu schließen. Aus Vorsorgegründen war das aber unerlässlich. Zugleich haben wir unsere Telefonie und Online-Kanäle verstärkt. Kunden können Anträge – etwa auf Beitragsstundung – unbürokratisch über diesen Weg stellen. Unsere Versicherten nehmen das Angebot der telefonischen Beratung und die Online-Geschäftsstelle sehr dankbar und hervorragend an. Wir werden auch nach der Krise auf diesem Weg bleiben und weiter über den Tellerrand des Krankenversicherungskosmos' hinausblicken.

Und die andere Perspektive?

Teichert: Der Blick nach Außen hilft uns auch nach Innen. Die Corona-Krise wirkt auch hier wie ein Teilchenbeschleuniger. Wir haben keine Zeit, monatelang nach der besten Lösung zu suchen. Wir müssen uns fortlaufend auf neue Situationen einstellen und unsere Antworten anpassen. Das wird auch für die Zukunft der Ansatz sein, damit wir als Krankenkasse am Markt weiter erfolgreich sind. Und dass wir das sein werden, davon bin ich absolut überzeugt, wenn ich sehe, wie gut die Mitarbeitenden der AOK Nordost auf allen Ebenen mit den Herausforderungen in der Krise umgehen.

Hier finden Sie einen Überblick über Versorgungsprojekte im Nordosten

Karola Schulte führte das Interview. Sie ist Chefredakteurin der G+G.
Bildnachweis: AOK Nordost