Damit die Patienten auf eine gute Versorgung vertrauen können, wertet die AOK Routinedaten aus.
Routinedaten

Basis für einen Qualitätsdialog

Die Verbesserung der ambulanten ärztlichen Versorgung liegt der AOK in besonderer Weise am Herzen. Deshalb nutzt sie Qualitätsberichte auf Landkreisebene, um regionale Defizite zu erkennen und gemeinsam mit den Leistungsakteuren Lösungen zu finden. Von Thorsten Severin

Schon seit 2013 existiert

das Projekt QuATRo („Qualität in Arztnetzen – Transparenz mit Routinedaten“), das die Qualität von Arztnetzen misst und vergleichbar macht. Die inhaltliche Grundlage dazu liefert das Qualitätsindikatorensystem für die ambulante Versorgung QISA, das der AOK-Bundesverband zusammen mit dem Göttinger Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen (AQUA) in mehrjähriger Zusammenarbeit entwickelt hat.

Doch damit nicht genug: Die AOK will die Qualitätsindikatoren über die Arztnetze hinaus auch in die allgemeine ambulante Versorgung bringen. Dazu hat sie ein zusätzliches Projekt „Ambulante ärztliche Versorgungsqualität“ ins Leben gerufen. Die jeweilige Kasse bekommt dabei auf Wunsch vom Bundesverband einen kompletten Qualitätsbericht mit ausgewählten Indikatoren zur ambulanten ärztlichen Versorgung für ihre jeweilige Region zur Verfügung gestellt. Darin lassen sich Defizite vor allem bei der Behandlung chronisch Kranker bis hinunter auf die Ebene der Landkreise identifizieren.

Transparenz herstellen.

Die Berichte zeigen beispielsweise, ob Diabetiker in einer Region leitliniengemäß versorgt werden. Ein nordhessischer Landkreis etwa ist bei der Bestimmung des HbA1c-Wertes bei Typ-2-Diabetikern „mehr als auffällig“, wie Matthias Grün, Referent für ambulantes Qualitätsmanagement bei der AOK Hessen, verdeutlicht. Der HbA1c-Wert ist ein Maß für den durchschnittlichen Blutzuckerspiegel der vergangenen sechs bis zwölf Wochen. Der Wert sollte bei Diabetikern regelmäßig bestimmt werden. Im besagten Kreis wird dies jedoch bei 15 Prozent der Patienten nicht mal einmal im Jahr durchgeführt, in anderen hessischen Landkreisen sind dies nur elf Prozent.

Stoff für Gespräche.

Doch was tun mit solchen Erkenntnissen? Anfangs waren die Berichte zur internen Verwendung für die jeweilige AOK gedacht. Hieraus ergab sich eine Materialsammlung, um auf wichtige Akteure vor Ort zuzugehen und gemeinsam nach Lösungen für regionale Defizite in der ambulanten Behandlung zu suchen, sagt Guido Büscher, Referent Versorgungsmanagement beim AOK-Bundesverband, der das Projekt von Berlin aus betreut. Je nach regionalen Herausforderungen setzen diese einzelnen AOKs diese gewonnenen Informationen unterschiedlich ein. Letztlich seien ja auch die Probleme verschieden. „Einige Regionen haben vielleicht ein Problem mit Diabetes, andere mit Koronarer Herzkrankheit und andere haben gar keine Sorgen“, erläutert Büscher. Die Kollegen in Hessen seien bei der Umsetzung weit gediehen. Aber auch bei den anderen AOKen wächst das Interesse.

 

Die Qualitätsberichte können dazu beitragen, die DMP-Programme in einer Region voranzubringen.

Matthias Grün etwa ist im Namen der hessischen AOK im Sozialministerium des Bundeslandes vorstellig geworden. Dort habe er mit den Informationen über die Unterschiede und Defizite in der ambulanten Versorgungsstruktur durchaus für Überraschung gesorgt. „Die Sozialministerien haben die Planungshoheit bei den stationären Versorgungsstrukturen. Belastbares Datenmaterial über die ambulanten Versorgungsstrukturen und deren Qualität liegen in Wiesbaden nicht vor“, berichtet Grün. Daher seien im Ministerium die Berichte sehr interessiert angeschaut und analysiert worden. Daraus entstand die Idee, gemeinsam mit niedergelassenen Ärzten in der Region Frankfurt ein Expertentelefon zur „Poly­medikation“ einzurichten.

Vertreter von Landkreisen ansprechen.

Auch der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) in Hessen wurden die Qualitätsberichte vorgestellt, wie Grün berichtet. Die Gesundheitskasse will nun mit der KV eine gemeinsame Offensive zur Stärkung der Disease-Management-Programme (DMP) initiieren. „Es wurmt uns in Hessen sehr, dass wir in Sachen DMP-Einschreibungen die rote Laterne im Bundesbenchmark haben. Daher wollen wir die Einschreibungen ein Stück weit forcieren“, erläutert Grün.

Zum Dritten trat die AOK Hessen mit den Berichten gezielt an die Landkreise heran, was in der Regel über die Gesundheitsämter oder die Gesundheitsdezernenten läuft. Dabei geht es vor allem um solche Kreise, deren Ergebnisse auffällig waren. „Dort wollen wir mit den Verantwortlichen ins Gespräch kommen, wie sie gedenken, die Versorgungsqualität zu erhöhen oder zu verbessern“, sagt Grün. „Jeder, der mit uns über Versorgungsqualität sprechen möchte, ist herzlich eingeladen. Wir werden aber niemanden dazu zwingen.“

Die für die Qualitätsberichte verwendeten QISA-Indikatoren beziehen sich auf die Krankheitsbilder Diabetes mellitus Typ 2, Herzinsuffizienz, Depression und Asthma beziehungsweise der Lungenkrankheit COPD. Mit den Qualitätsberichten würden die AOKen in die Lage versetzt, sich in diesen Bereichen überregional zu vergleichen, erläutert Büscher. Dazu gibt es Karten zu den einzelnen Indikatoren, die alle deutschen Landkreise zeigen. Das Ganze beruhe jedoch auf völliger Freiwilligkeit – keine AOK müsse die Berichte für sich nutzen und letztlich könne man auch Gespräche über Konsequenzen aus den Erhebungen niemandem aufzwingen.

Routinedaten liegen ohnehin vor.

Attraktiv an den verwendeten Indikatoren ist, dass sie sich rein aus Routinedaten speisen. Konkret handelt es sich um anonymisierte Abrechnungsdaten der Ärzte, Arzneimittelabrechnungsdaten sowie Angaben über die Abrechnung stationärer Leistungen. Dieses Datenset erhält der Bundesverband vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO). Sie sind somit schnell, einfach und kostengünstig verfügbar. „Es entsteht kein Erhebungsaufwand für die Daten, da es sich um die Routinedaten handelt.Diese liegen uns ohnehin vor“, beschreibt Grün. Um die Versicherten zu einem Landkreis oder einer kreisfreien Stadt zuzuordnen, hilft die Postleitzahl.

Großes Potenzial.

Die Vorreiterrolle Hessens beim Einsatz der Qualitätsberichte erklärt Grün so: „Wir sind relativ spät zum Projekt QuATRo dazugestoßen, haben aber in der Arbeit mit unseren hessischen Arztnetzen sehr schnell das Potenzial erkannt, um im Dialog Verbesserungen zu erzielen.“ Dies habe die AOK angespornt, auch die vom Bundesverband angebotenen Qualitätsberichte zu nutzen, um so für die gesamte Versorgungsregion einen „Qualitätsdialog“ zu initiieren.

AOK-Gesundheitspartner: QuATRo

Das Projekt QuATRo richtet sich dagegen an Arztnetze. Anhand eines Qualitätsberichts, welchen das teilnehmende Arztnetz erhält, bekommt es einen Überblick über die eigene Versorgungsqualität und kann sich mit anderen Netzen und der Regelversorgung in der Region vergleichen.

QuATRo nimmt Fahrt auf.

In Hessen gibt es laut Grün inzwischen acht QuATRo-Kooperationen mit Arztnetzen. Bundesweit machen sieben AOKs mit: Neben der AOK Hessen sind dies die AOK Baden-Württemberg, die AOK Bayern, die AOK Nordost, die AOK NordWest, die AOK PLUS sowie die AOK Rheinland/Hamburg. Insgesamt sind 39 Arztnetze und drei Verträge zur hausarztzentrierten Versorgung mit zusammen rund 2.800 Haus- und 1.100 Fachärzten mit von der Partie. Nehme man die Qualitätsberichte auf KV-Ebene hinzu, gebe es ein „recht klares Bild, um die Versorgungsqualität in der Regelversorgung zu bewerten“, sagt Grün.
 
Das jeweilige Arztnetz bekommt die Ergebnisse zu den einzelnen Indikatoren unter anderem in einem tabellarischen Überblick. Je nach Ergebnis erscheint in den einzelnen Feldern ein lächelndes grünes, ein gelbes oder ein betrübt guckendes rotes Smiley. Das Management jedes Arztnetzes wird zusätzlich in die Lage versetzt, mit einer speziellen Software des AOK-Bundesverbandes Berichte auf Praxisebene anzufertigen, wenn die Einwilligung der Praxis vorliegt und es erwünscht ist. Daraus lässt sich dann erkennen, welche Praxis des Netzes eine gute Qualität aufweist und bei welcher es Verbesserungspotenzial gibt.

Thorsten Severin ist Redakteur der G+G.
Bildnachweis: iStock/demaerre
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