Kein Buch mit sieben Siegeln: Leichte Sprache macht Wissen einfacher zugänglich.
Gesundheitskompetenz

Corona-Infos endlich verständlich

Alle Welt redet über das Corona-Virus. Aber nicht alle können mitreden. Viele Menschen brauchen leicht verständliche Informationen, um sich selbst ein Bild machen zu können. Für sie gibt es jetzt Online-Angebote in Einfacher und in Leichter Sprache. Von Dr. Silke Heller-Jung

Seit Wochen beherrscht das Thema

Corona die Schlagzeilen. Die tägliche Informationsflut ist gewaltig. Doch viele Menschen können sie nicht nutzen: Menschen mit Behinderungen oder Lernschwierigkeiten zum Beispiel, aber auch Personen mit eingeschränkten Deutschkenntnissen oder geringen Lesefähigkeiten. Sie alle sind auf Informationsangebote angewiesen, die leicht verständlich aufbereitet sind – auch und ganz besonders in Krisen­situationen.

„Fehlende Informationen bedeuten eine konkrete Gefahr für die Menschen“, warnte Jürgen Dusel, der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, am 9. März in seinem Inklusions-Newsletter. Barrierefreie Kommunikation sollte immer der Standard, in außergewöhnlichen Situationen müsse sie oberstes Gebot sein, so Dusel. „Weder die Bundesregierung noch nachgeordnete Behörden wie das Robert Koch-Institut, das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe oder die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung stellen aktuelle barrierefreie Informationen bereit – sei es in Erklärvideos oder bei Pressekonferenzen“, kritisierte der Behindertenbeauftragte. Konsequent barrierefreie Angebote seien nötig, „damit wirklich alle die Möglichkeit haben, sich auf den gleichen Wissensstand zu bringen.“

Jeder Achte kann kaum lesen.

Studien zufolge verfügt mehr als die Hälfte der Bundesbürger über eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz. Das heißt: Etwa jedem Zweiten fällt es schwer, gesundheitsrelevante Informationen zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und auf seine Lebenssituation anzuwenden. Der Bedarf an gut verständlich aufbereiteten Informationen ist groß. Dr. Kai Kolpatzik, Leiter der Abteilung Prävention im AOK-Bundesverband, nennt ein Beispiel: „Rund zwölf Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung Deutschlands, etwa 6,2 Millionen Menschen, können nicht richtig lesen und schreiben. Das ist etwa jeder Achte. Es ist sehr wichtig, diese Menschen mit Gesundheitsinformationen und auch mit Angeboten zur gesundheitlichen Grundbildung zu erreichen.“

Schätzungen zufolge können in Deutschland gut zehn Millionen Menschen von Leichter Sprache profitieren.

Einen niedrigschwelligen Zugang dazu sollen Angebote in sogenannter Einfacher Sprache eröffnen: Kurze Sätze, unkomplizierte Satzstrukturen und ein zurückhaltender Gebrauch von Fremdworten erleichtern das Verständnis. Der Deutsche Volkshochschulverband etwa bietet für Teilnehmende von Alphabetisierungskursen und Nicht-Muttersprachler seit 2003 die „Apoll-Zeitung“ in Einfacher Sprache an; ab Mitte März erschienen auch mehrere Sonderausgaben zum Thema Corona. Das Internetportal der vom Bildungsministerium geförderten Alphabetisierungs-Kampagne „Lesen & Schreiben – Mein Schlüssel zur Welt“ hält seit Mitte April ebenfalls Corona-Informationen in Einfacher Sprache bereit.

Alle sollen alles verstehen.

Doch auch Angebote in Einfacher Sprache erreichen nicht alle Menschen. Hier kommt die Leichte Sprache ins Spiel. Ausgehend vom englischen Sprachraum forderten seit den 1970er-Jahren vor allem Menschen mit Lernbehinderungen leicht verständliche Texte, um sich eigenständig informieren und autonom entscheiden zu können. Daraus entwickelte sich die stark vereinfachte Leichte Sprache, die buchstäblich jedem das Verstehen erleichtern soll: Menschen mit einer geistigen oder Lernbehinderung, mit einer Demenz oder einer Störung des Sprachzentrums, Analphabeten, Nicht-Muttersprachlern oder auch von Geburt an Gehörlosen, deren Erstsprache die Gebärdensprache ist. Schätzungen zufolge können allein in Deutschland gut zehn Millionen Menschen von Leichter Sprache profitieren.

Wer Texte in Leichte Sprache übersetzt, muss ein detailliertes Regelwerk beachten. Eine zentrale Anforderung sind kurze Sätze ohne Genitiv- oder Passivkonstruktionen. Jeder Satz soll nur eine Information transportieren. Eine klare Gliederung mit Zwischenüberschriften und eine zielgruppengerechte Bebilderung unterstützen das Textverständnis. Nach den Richtlinien des Netzwerks für Leichte Sprache gilt außerdem: Jeder Text, der das Siegel „Leichte Sprache“ tragen soll, muss von mindestens zwei Prüfpersonen aus der Zielgruppe gegengelesen werden. Beanstanden sie bestimmte Passagen als schwer verständlich, werden diese überarbeitet, bis alle Verständnishürden beseitigt sind.

Mit Informationen gegen die Angst.

Zu Beginn der Corona-Krise registrierte die Lebenshilfe Bremen, die 2004 das erste Übersetzungsbüro für Leichte Sprache in Deutschland gründete, einen wachsenden Informationsbedarf in ihrer Zielgruppe. „Wir bekamen immer mehr Anfragen: Was ist dieses Virus? Was muss man jetzt tun?“, erinnert sich Büroleiterin Marion Klanke. „Wenn man nicht gut informiert ist, hat man mehr Angst.“ Also verfassten Klanke und ihr Team Infoblätter in Leichter Sprache und stellten sie auf die Website der Lebenshilfe Bremen. „Es gab zwar auch vom Gesundheitsministerium schon relativ früh Online-Informationen. Die waren aber ziemlich versteckt und für Menschen mit Beeinträchtigungen nicht leicht zu finden.“

„Es müssen sich alle an Abstandsgebote und Kontaktbeschränkungen halten. Deshalb müssen auch alle gleichermaßen informiert sein“, erläutert Marion Klanke. „Manche Menschen erreicht man mit den offiziellen Informationen nicht, weil sie schwer verständlich sind. Denen muss man ein anderes Angebot machen. Man muss dafür sorgen, dass alle mitgenommen werden, weil wir diesen Weg nur gemeinsam schaffen.“ Das sieht Detlef Erasmy ganz genauso. Seit Jahren prüft er als Angehöriger der Zielgruppe Texte, die Marion Klanke und ihr Team in Leichte Sprache übersetzt haben. „Ich finde es wichtig, dass die Infos auch in Leichter Sprache kommen, damit viele Leute besser verstehen können, um was es geht“, sagt er. „Wenn die Info nur in schwerer Sprache ist, dann haben manche ja Probleme, damit umzugehen.“

Taskforce liefert Infos für alle.

Anne Leichtfuß arbeitet in Bonn als Übersetzerin und Dolmetscherin für Leichte Sprache. Auch sie stellte in der Zusammenarbeit mit ihren Prüferinnen und Prüfern fest, wie groß der Informationsbedarf ist. „Ich habe dann recherchiert: Gibt’s Corona-Infos in Leichter Sprache? Anfang März gab es da fast nichts.“ Also stellte sie zunächst eine Linkliste der verfügbaren Angebote online. Gemeinsam mit engagierten Mitstreiterinnen und Mitstreitern einer eigens gegründeten Task Force „Barrierefreie Kommunikation und Corona“ entwickelte sie anschließend in kürzester Zeit die Website corona-leichte-sprache.de. Die Seite, die Ende März online ging, liefert seitdem fortlaufend aktualisierte Informationen über das Corona-Virus in Leichter Sprache. „Bei der Rede von Frau Merkel waren wir die einzigen, die sie in einer adäquaten Zeitspanne übersetzt haben“, sagt Anne Leichtfuß. Ohne das ehrenamtliche Netzwerk wäre das alles nicht zu schaffen. Selbst die obligatorische Prüfung der Texte durch die Zielgruppe ist gewährleistet – mittels Zoom oder per Whatsapp.

Gut informiert selbst entscheiden.

Jeder Mensch soll sich selbstständig und autonom informieren können – das ist für Anne Leichtfuß und die Taskforce sehr wichtig. „Es geht ja im Moment darum, abzuwägen, ob man sich bestimmten Situationen aussetzt oder nicht. Das kann ich nur, wenn ich Bescheid weiß“, erklärt Anne Leichtfuß. Viele Menschen mit Behinderungen seien derzeit komplett fremdbestimmt, durch ihre Eltern oder die Wohnheimleitungen. Die Website stelle ihnen Informationen zur Verfügung, gebe aber bewusst keine Handlungsanweisungen. „Wer informiert ist, kann selbst entscheiden, wie er sich verhalten will.“ Die Nutzer wissen das zu schätzen: Die Seite wird intensiv genutzt und gut angenommen. Eines freut Anne Leichtfuß dabei ganz besonders: „Von Tag eins an haben uns Menschen geschrieben: Danke! Jetzt kann ich’s auch verstehen.“

Silke Heller-Jung ist Redakteurin mit dem Schwerpunkt Gesundheit und zertifizierte Übersetzerin für Leichte Sprache.
Bildnachweis: iStock/fizkes
Schreiben Sie der Redaktion.