Psychische Gesundheit

Debatte: Ängste spiegeln die Lebenssituation

Verunsicherung und Angst nehmen in Krisenzeiten zu. Ein gesundes Maß an Ängsten kann hilfreich und sogar überlebenswichtig sein. Was das für den Umgang mit der Corona-Krise bedeutet, erklärt Philosophin Prof. Dr. Bärbel Frischmann.

Ein knurrender Magen erinnert

uns daran, dass wir lange nichts gegessen haben und der Körper Nahrung braucht. Dies ist eine wichtige Funktion, um unser Leben aufrecht zu erhalten. Doch wie steht es mit unseren Ängsten? Sind sie auch lebenswichtig oder nicht vielmehr überflüssig, lähmend und störend? Im Rahmen der rein biologischen Lebenssicherung reagieren wir in einer gefährlichen Situation körperlich durch beschleunigten Herzschlag und gesteigerte Aufmerksamkeit. Diese direkten Reaktionen sind sinnvoll, da sie ein Lebewesen auf Flucht oder Kampf vorbereiten. Doch Menschen haben auch die Fähigkeit, sich mögliche Gefahren gedanklich vorzustellen. Aus diesen Vorstellungen können sich psychische Ängste entwickeln.

Das Spektrum unserer Ängste ist enorm weit und individuell unterschiedlich. Wir können uns ängstigen vor engen Räumen, Fröschen, Arbeitslosigkeit, Krankheiten, Prüfungen, der nächsten Wirtschaftskrise, dem Klimawandel oder dem Weltuntergang. Angst scheint gerade dann zu entstehen, wenn Situationen als ungewiss und unbeherrschbar empfunden werden und Menschen sich hilflos und ausgeliefert fühlen. In Deutschland ist die Angst, Opfer eines Terroranschlags zu werden, eher irrational im Vergleich zu Alltagsgefahren wie einem Unfall im Haushalt. Alles Un­bekannte wirkt stets stärker beängstigend als das Vertraute. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass viele Menschen auf das neue Corona-Virus mit großen Ängsten reagiert haben. Hier treffen alle Faktoren zusammen, die Ängste schüren können.

Pandemie verändert Stimmungslage.

In den ersten Wochen des Jahres 2020 war wenig über das neue Corona-Virus, seine Übertragungswege, unterschiedliche Erkrankungsverläufe und mögliche Spätfolgen bekannt. Wir hatten weder Erfahrung mit medizinischen Behandlungen, noch konnten wir auf einen baldigen Impfstoff hoffen. Gerade das Unbekannte und deshalb Unkontrollierbare am Virus hat bei vielen Menschen Ängste erzeugt. Andererseits gab und gibt es auch diejenigen, die in den Maßnahmen nur Panikmache sehen oder darauf hoffen, dass sie selbst gut durch die Pandemie kommen.

Nicht alles im Leben lässt sich absichern. Ein Restrisiko bleibt.

Seit letztem Herbst änderte sich die Stimmungslage aber spürbar. Die steigenden Infektionszahlen gaben den Ängsten neuen Schub. Mehr und mehr entstand der Eindruck, dass das Virus immer näher rückte. Die Krankenhäuser füllten sich und immer mehr Menschen starben aufgrund einer Infektion. All jene, die während der Corona-Pandemie sowieso schon Ängste entwickelt hatten, sahen ihre Gefühle bestätigt.

Ein gutes Maß für sich selbst finden.

Bei Ängsten gibt es jedoch auch immer zwei Extreme: Einerseits kann die Angst übersteigert sein, sodass Betroffene zum Beispiel ihre Wohnung nicht mehr verlassen oder unbeherrschbare Panikattacken bekommen. Bilden sich daraus Angststörungen, die für die Betroffenen sehr leidvoll sind, ist meist therapeutische Hilfe nötig. Das andere Extrem besteht in der Leugnung und Verdrängung von Risiken. Dies kann eine gute Strategie sein, um die eigene Psyche zu entlasten. Andererseits kann es aber auch dazu führen, Gefahren zu unterschätzen. Die Schwierigkeit besteht stets darin, für die eigenen Ängste das richtige Maß und eine angemessene Bewertung zu finden. Hilfreich ist, sich immer wieder den guten Sinn von Ängsten vor Augen zu führen. Ängste helfen uns, vorsichtig zu sein und das eigene Verhalten den Lebensrisiken anzupassen, zum Beispiel die momentan geltenden Hygieneregeln zu befolgen. Ängste sind der Spiegel unserer Lebenssituation. Sie zeigen uns nicht nur unsere Befürchtungen, sondern auch Wünsche und Hoffnungen. Sie spiegeln das, worum wir uns sorgen, was wir schätzen und nicht verlieren wollen. In der Beschäftigung mit den eigenen Ängsten lernen wir uns selbst besser kennen.

Eigene Perspektiven ändern.

Ängste sind nicht einfach nur da. Wir selbst können sie gedanklich formen, indem wir über unser Leben und die Welt nachdenken und uns mögliche Risiken und Gefahren vorstellen, die wir in Form von Ängsten psychisch verinnerlichen. Hier eigene Perspektiven zu ändern, kann dazu beitragen, Ängste zu mildern. Es liegt also gewissermaßen in unserer Hand, wovor wir uns ängstigen und worauf wir unsere Ängste ausrichten. Vor allem aber sollten wir uns immer wieder vor Augen führen, dass alle Menschen verletzlich und sterblich sind. Nicht alles im Leben lässt sich absichern, ein Restrisiko wird immer bleiben. Deshalb werden wir auch die Ängste niemals ganz los, sonst wären wir nicht Menschen.

Bärbel Frischmann ist Professorin für Geschichte der Philosophie an der Philosophischen Fakultät der Universität Erfurt.
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