Interview

„Viele fühlen sich ohnmächtig“

Wer unter Langzeitfolgen von Covid-19 leidet, sucht oft vergeblich nach Hilfe. Denn es fehlt an Forschung und Strukturen für die Behandlung, meint Erich Irlstorfer. Er ist Mitgründer eines Vereins, der sich für eine bessere Versorgung von Long-Covid-Patienten einsetzt.

Herr Irlstorfer, Sie engagieren sich für eine bessere Versorgung von Long-Covid-Patienten. Warum?

Erich Irlstorfer: Anfang Januar 2021 war ich zu Besuch bei meiner Mutter in einer Palliativstation. Da habe ich mich trotz Vorsichtsmaßnahmen mit Corona infiziert. Ich lag sieben Tage im Krankenhaus, hatte Probleme mit der Lunge, der Blutdruck und mein Diabetes waren völlig entgleist. Danach ging ich auf Reha nach Passau und produzierte in dieser Zeit ein Facebook-Video. Als Bundestagsabgeordneter wollte ich die Bürger in meinem Wahlkreis über meine Erkrankung informieren und mitteilen, dass ich außer Gefecht bin. Die Resonanz war überwältigend. 7.500 Menschen haben sich das Video angeschaut. Viele wussten aus eigener Erfahrung, was Covid-19 bedeutet. Sie schilderten ihre Probleme und klagten über Hilflosigkeit im Umgang mit der Krankheit. Mir wurde klar: Da muss etwas passieren. Im Mai 2021 haben wir den Selbsthilfe-Verein Elias gegründet.

Porträt von Erich Irlstorfer, Mitgründer eines Vereins, der sich für eine bessere Versorgung bei Long Covid einsetzt

Zur Person

Erich Irlstorfer, CSU-Bundestagsabgeordneter und ehemaliger Außendienst­mitarbeiter der AOK Bayern, ist Vorsitzender des Selbst­hilfe-Vereins „Elias“ für durch Covid-19 Erkrankte und Langzeitgeschädigte.

Warum fühlen sich die Patienten hilflos?

Irlstorfer: Nach der Reha werden viele Patienten als vermeintlich gesund entlassen, aber der Schein trügt. Viele leiden danach immer noch unter großer Müdigkeit, sie fühlen sich matt, haben Probleme mit ihrer Atmung, spüren, dass sie nicht gesund sind. Viele sind nicht mehr arbeitsfähig und fühlen sich ohnmächtig gegenüber den Folgen der Krankheit. Und da wächst auch innerer Groll: Ich bin krank, warum will mir niemand helfen?

Wie geht es Ihnen selbst heute?

Irlstorfer: Ich habe massive Probleme mit meiner Kondition, habe eine sehr empfindliche Haut mit offenen Fußsohlen, laufe mir Blutblasen, wenn ich zu lange zu Fuß unterwegs bin, und muss viele Medikamente einnehmen.

Es gibt Stimmen, die behaupten, es handele sich bei Long Covid um ein zeitlich begrenztes Problem.

Irlstorfer: Das sehe ich ganz anders. Ich befürchte, dass Menschen dauerhaft an den Folgen von Corona leiden werden. Um das zu verhindern, haben wir in unserem Land noch viele Hausaufgaben zu machen. Es fehlen Anlaufstellen, kompetente Ärzte und Psychotherapeuten. Wir müssen in Forschung und Wissenschaft investieren, wir müssen effiziente Versorgungsstrukturen aufbauen, es geht um bessere Behandlungsmöglichkeiten, um Fragen, die das Arbeitsrecht betreffen, aber auch um finanzielle Nöte und soziale Verantwortung.

Und da will Ihr Selbsthilfe-Verein in die Bresche springen?

Irlstorfer: Wir wollen dazu beitragen, dass die ärztliche Aufklärung und die medizinische Versorgung der Patienten verbessert werden. Es geht uns um eine bessere Zusammenarbeit zwischen Betroffenen, Angehörigen und Ärzten. Wir wollen aber auch über finanzielle Belastungen reden, über psychische Folgen und soziale Nöte. Wir haben uns überregional vernetzt mit Universitäten, renommierten Wissenschaftlern, Institutionen und Gesundheitsexperten und der Industrie. Perspektivisch streben wir Beratungsstrukturen an, die vergleichbar sein könnten mit dem Angebot des Sozialverbands VdK.

Wie halten Sie es mit Corona-Leugnern?

Irlstorfer: Wir achten sehr darauf, dass unser Verein nicht von Querdenkern unterwandert wird. Früher habe ich mit Corona-Leugnern diskutiert und meist vergeblich versucht, Überzeugungsarbeit zu leisten. Aber die schlimmen Auswirkungen meiner Krankheit haben mich härter gemacht. Es gibt verbohrte Menschen, die man trotz eindeutiger Fakten nicht überzeugen kann. Da sind Appelle an den gesunden Menschenverstand offenbar sinnlos. Wir müssen wachsam sein und handeln. Das ist das Gebot der Stunde.

Christoph Fuhr führte das Interview. Er ist freier Journalist mit Schwerpunkt Gesundheit.
Bildnachweis: Deutscher Bundestag
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