G+G-Gespräch

„Unser Verhalten beeinflusst Klima und Gesundheit“

Wenn Menschen vom Auto aufs Rad umsteigen oder weniger Fleisch essen, schützen sie das Klima und ihre eigene Gesundheit. Was darüber hinaus zu tun ist, um den Planeten und unsere Lebensgrundlagen zu bewahren, diskutierten Leah Schirren, Dr. Lilian Busse und Johannes Bauernfeind.

Zunächst eine Frage in die Runde: Wo sehen Sie die wichtigste Schnittstelle von Gesundheit und Klimaschutz?

Leah Schirren: Jeder Einzelne darf ganz egoistisch sagen: Ich mache Klimaschutz, weil es für meine eigene Gesundheit wichtig ist. Dann geht es nicht nur um Verzicht, sondern um eine positive Vision. Außerdem ist in der Debatte bisher zu kurz gekommen, dass der Gesundheitssektor selbst zur Klimakrise beiträgt. Er verursacht etwa fünf Prozent der globalen Treib­hausgas-Emissionen. Da besteht eine Chance, etwas zu verbessern. Man muss eben vor der eigenen Haustüre kehren.

Lilian Busse: Ich sehe das ähnlich. Zum einen geht es darum, wie wir auch den Gesundheitssektor klimaneutral machen können. Im Umweltbundesamt beschäftigen wir uns darüber hinaus mit der Frage: Wie können wir dafür sorgen, dass sich die Klimaneutralität positiv auf die Gesundheit auswirkt? Und ein weiterer Punkt ist mir wichtig: Wie beteilige ich die Ärzteschaft an den Veränderungen zugunsten des Klimas? Sie hat engen Kontakt mit Patientinnen und Patienten. Ärzte können die Idee weitertragen, dass Klimaschutz für den Gesundheitsschutz wichtig ist.

Johannes Bauernfeind: Am spannendsten finde ich die Schnittstelle zwischen Verhältnisprävention und Verhaltensprävention. Wenn wir Einfluss auf die Verhältnisse nehmen, also auf das Klima, wirkt sich das positiv auf die Gesundheit aus. Unser Verhalten beeinflusst das Klima und unsere Gesundheit. Die Ernährung spielt eine große Rolle: Eine gesunde Ernährung mit Lebensmitteln aus der Region wirkt gleichzeitig positiv aufs Klima. Aber auch andere Verhaltensmuster haben großen Einfluss auf das Klima: Wie gehen wir mit der Umwelt um, welche Formen der Mobilität wählen wir?

Die Gedanken zum Umwelt- und Klimaschutz sind ja nicht neu. Wie weit sind die Erkenntnisse inzwischen in die Politik, zu Verbänden und in Behörden vorgedrungen und rufen dort Reaktionen hervor?

Busse: Wir sind eine dem Umweltministerium nachgeordnete Behörde. Wir arbeiten wissenschaftlich und übersetzen das in Politikberatung. Ich glaube schon, dass viele jetzt aufgewacht sind. Das nächste Jahrzehnt ist die Dekade des Umbruchs, der Transformation. Wir haben vor längerer Zeit eine Studie zum treibhausgasneutralen Deutschland aufgelegt. Jetzt bewegt sich etwas – aus ganz verschiedenen Gründen, auch durch die Demonstrationen. Wir hoffen, dass wir mit der neuen Bundesregierung weitere Schritte vorangehen.

Schirren: Wir sollten nicht nur darüber reden, was gut fürs Klima ist. Wir sollten darüber reden, was gut für unsere Gesundheit ist. Damit ändern wir das Narrativ, das Framing. Wir müssen auch im Gesundheitssektor anders kommunizieren: Es ist nicht nur gut fürs Klima, wenn Sie Fahrrad statt Auto fahren, sondern auch gut für Ihre Gesundheit und für den Planeten. Wir können nur so lange gesund sein auf diesem Planeten, solange der auch gesund ist.

Welche gesundheitlichen Konsequenzen hat die Klimakrise? Frau Schirren, Sie studieren Medizin, bitte nennen Sie ein paar Beispiele.

Schirren: Ein Problem ist das vermehrte Auftreten von Hitzesommern. Laut einer im Lancet veröffentlichten Studie gab es im extrem heißen Sommer 2018 in Deutschland unter den über 65-Jährigen rund 20.000 hitzeassoziierte Todesfälle. Damit lag Deutschland auf Platz drei nach China und Indien. Ein weiteres Beispiel sind Allergien: Bei steigenden Durchschnitts­temperaturen verlängert sich die Pollenflugzeit. Es kommen neue Pflanzenarten hinzu, zum Beispiel Ambrosia. In Städten mit starker Luftverschmutzung können Pollen mit Ozon und mit Feinstaub reagieren und besonders stark allergen wirken. Die Klimakrise hat aber auch psychische Folgen. Nach Unwettern, wenn Menschen ihr Zuhause verlassen mussten, ihr Hab und Gut verloren haben, entwickeln sie möglicherweise eine posttraumatische Belastungsstörung. Auch Suchterkrankungen oder Depressionen nehmen zu.

„Wir können nur so lange gesund sein auf diesem Planeten, solange der auch gesund ist.“

Leah Schirren

Herr Bauernfeind, wie reagiert eine Krankenkasse auf gesundheitliche Folgen des Klimawandels?

Bauernfeind: Wir spielen diese Themen verstärkt dort, wo wir Zugang haben, zum Beispiel in der Ärzteschaft. Gemeinsam mit einem renommierten Forschungspartner entwickeln wir einen Atlas, um aufzuzeigen, wie bestimmte Umweltbedingungen auf die Gesundheitssituation der Menschen in den jeweiligen Regionen wirken. Wir können Informationen verbreiten, aber wir greifen nicht in die Ordnungspolitik ein. Wir wollen unser Verhalten im Unternehmen verändern. Die AOK Baden-Württemberg hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 klimaneutral zu werden. Wir haben 2019 das erste Mal unseren CO₂-Fußabdruck ermittelt, um zu identifizieren, wo wir als Organisation nachteilig auf das Klima wirken. Wir sind darüber im Austausch mit Krankenhäusern und Arztpraxen. Die Zahl der Hitzetage mit Temperaturen über 30 Grad hat sich in Baden-Württemberg seit den 70er-Jahren verdreifacht. Deshalb müssen zum Beispiel Pflegeheime und Kliniken Rahmenbedingungen schaffen, die vulnerable Gruppen vor den Klimafolgen schützen. Auch Beschäftigte im Gesundheitswesen sind in ihrer Produktivität eingeschränkt, wenn die Temperaturen steigen. Allerdings sorgt der Betrieb von Klimaanlagen für einen erheblichen CO₂-Ausstoß – wir bewegen uns da in einer Spirale.

Frau Busse, Sie nicken. Wie kommt man denn aus einer solchen Spirale heraus?

Busse: Wir haben mit dem Umweltministerium und den Bundesländern an der Vorbereitung für Hitzeaktionspläne als eine konkrete Klimaanpassungsmaßnahme gearbeitet und an Fragen wie: Wer muss der Ansprechpartner sein? Wie kommen diese Informationen zu den Menschen? Wo ist die koordinierende Stelle? Wie lässt sich die Bevölkerung in Hitzeperioden kurzfristig schützen? Wir kümmern uns auch um langfristige Maßnahmen. Wie müssen resiliente Städte aussehen, wie viele Grünflächen brauchen sie beispielsweise? Wichtig ist auch die Frage, wie wir die Daten verbinden und zu den Menschen bringen, zum Beispiel zur Luftqualität oder zu den Ozonwerten. Wir haben eine App entwickelt, die solche Daten für die jeweilige Stadt ausweist.

Corona hat gezeigt, dass das Zusammenbringen von Daten nicht gut funktioniert. Woher nehmen Sie den Optimismus, dass es in Bezug auf die Klimafolgen besser läuft?

Busse: Die Gesellschaft möchte Daten haben, sie will, dass die Politik auf Daten beruht. Das stimmt mich positiv, ebenso wie die Digitalisierung und die künstliche Intelligenz. Wir bauen am Umweltbundesamt ein Sonderthema auf: künstliche Intelligenz und Nachhaltigkeit. Auch da gehen wir weiter und gehen größere Schritte voran.

Schirren: Die Daten sind wichtig, um unser Handeln wissenschaftlich zu untermauern. Aber wenn wir das, was wir jetzt schon sicher wissen, in Taten umsetzen würden, wären wir deutlich weiter. Bei mir in der Universität beispielsweise sind die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels kein Thema. Planetary Health wird nicht besprochen. Dabei wird jeder, der jetzt im Gesundheitssektor anfängt, damit konfrontiert werden. Da fehlt mir politisch, aber auch in der Lehre, noch das Engagement.

Bauernfeind: Dem kann ich nur zustimmen: Wir kennen eine Reihe von Faktoren, die negativ auf die Umwelt und gleichzeitig negativ auf die Gesundheit der Menschen wirken. Warum müssen wir erst das Gesamtmodell erklären können, bevor wir an den Faktoren die Hebel ansetzen, die wir schon kennen?

Busse: Das Umweltbundesamt befindet sich genau an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politikberatung. Das ist unser tägliches Brot: Wie viel wissenschaftliche Grundlage haben wir, um eine gute Politikberatung zu machen und das Handeln nicht zu verzögern? Manchmal brauchen wir mehr Daten, manchmal muss man nicht jedes kleine Detail wissen, um voranzugehen. Aber ich würde gern nochmal auf die Ausbildung der Ärzte zurückkommen. Wir versuchen, mit mehreren Projekten Einfluss zu nehmen. Wir fördern beispielsweise die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit, eine Initiative aus dem Gesundheitsbereich. In einem neuen Projekt der Verbändeförderung unterstützen wir aktuell die Entwicklung einer Klimasprechstunde für Ärztinnen und Ärzte. Und zum Deutschen Ärztetag Anfang November war der Präsident des Umweltbundesamtes erstmals eingeladen, eine Rede zu halten.

„Pflegeheime und Kliniken müssen Rahmenbedingungen schaffen, die vulnerable Gruppen vor den Klimafolgen schützen.“

Johannes Bauernfeind

Geht es in den ärztlichen Sprechstunden denn schon um den Zusammenhang von Klima und Gesundheit – beispielsweise darum, dass gesundes Essen auch gut fürs Klima ist?

Bauernfeind: Ich kenne persönlich Ärzte, die gerade mit Patientinnen und Patienten, die zu den vulnerablen Gruppen gehören, darüber sprechen. Dann geht es auch darum, wie sie sich zum Beispiel an extrem heißen Tagen verhalten sollten, genügend trinken, das Richtige essen. Im Rahmen des Check-up 35, der Gesundheitsuntersuchung als Leistungsangebot der Krankenkassen, beraten Ärzte ihre Patienten zum gesunden Verhalten. Es gibt Ärzte, die den Zusammenhang von Ernährung und Klimaschutz oder von Bewegung, Mobilität und Umweltwirkung heute schon thematisieren. In der Landesärztekammer Baden-Württemberg ist ein im Vorstand benannter Arzt für das Thema verantwortlich.

Einrichtungen des Gesundheitswesens tragen selbst zur Umweltverschmutzung und zum Klimawandel bei. Was können Kliniken, Praxen oder Pflegeheime tun, um die Umwelt und das Klima zu schützen?

Schirren: Die Klimaneutralität des Gesundheitssektors ist ein ganz wichtiges Ziel. Ungefähr ein Drittel des CO₂-Ausstoßes stammt aus den Einrichtungen selbst, zwei Drittel verursachen allerdings die Lieferketten, die schwieriger zu fassen sind. Im Projekt KLIK Green beispielsweise werden sogenannte Klimamanager ausgebildet. Sie gehen in die verschiedenen Bereiche eines Krankenhauses, um zu schauen, wie sich dort CO₂ einsparen lässt. Das kürzlich erschienene Buch „Planetary Health“ stellt für alle medizinischen Fachrichtungen dar, was sie gegen die Klimafolgen tun können. Das ist eine gute Grundlage für uns als Aktivisten oder auch für jemanden, der Vorträge zum Thema hält.

Busse: Als Umweltbundesamt haben wir nicht nur den Gesundheitssektor als CO₂-Emittenten im Blick, sondern die Landwirtschaft, die Industrie, die Gebäude, für die es ambitionierte Klimaziele gibt. Unsere Daten zeigen aber auch, dass das nicht reichen wird. Die Bundesregierung muss ressortübergreifend mehr machen, um das Klima zu schützen. Jeder muss seinen Anteil leisten, zum Beispiel die Landwirtschaft, aber auch der Gesundheitssektor.

Bauernfeind: Eine Reihe von Krankenhäusern in Deutschland ist vor 30 oder 40 Jahren gebaut worden. Diese Gebäude sind meist eine energetische Katastrophe. Krankenhausbetreiber können über Energieeinsparungen auch viel Geld sparen, wenn sie jetzt neue Gebäudekonzepte umsetzen. Allerdings verbraucht ein Neubau wieder Unmengen an Beton – der auch ein CO₂-Emmitent ist. Ob die Rechnung für den Klimaschutz aufgeht, ist zunächst offen. Wichtig ist, alle Faktoren zu kennen und in der Wirkung auf das Klima zu betrachten.

Was genau macht die AOK Baden-Württemberg für die Nachhaltigkeit?

Bauernfeind: Mit Homeoffice oder Telearbeitsplätzen in unseren Einrichtungen lassen sich weite Arbeitswege vermeiden. Wenn wir Gebäude oder Räumlichkeiten anmieten, achten wir auf die energetische Ausstattung. Wenn wir zum Beispiel Papier bestellen, geben wir klare Umweltkriterien wie den Umweltengel vor. Wir müssen weiter daran arbeiten, dass wir Papier vermeiden. Ein Team kümmert sich bei uns darum, der Corporate Social Responsibility gerecht zu werden, also der gesellschaftlichen Verantwortung im Sinne eines nachhaltigen Wirtschaftens. Unsere Umweltleistung lassen wir uns jährlich im Rahmen unserer ISO 14001-Zertifizierung bescheinigen. So stellen wir sicher, dass wir kontinuierlich besser werden.

Schirren: Darf ich Sie fragen, ob es bei der AOK Baden-Württemberg Fortbildungen zum Beispiel zu Planetary Health oder zu Zusammenhängen von Klimakrise und Gesundheit gibt?

Bauernfeind: Bei unseren Ernährungsfachkräften haben wir das Thema etabliert, weil sie als Multiplikatoren auf die Versicherten wirken können. Wir informieren unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter darüber, was wir für Klima und Umwelt tun, um das Bewusstsein dafür zu schärfen. In einer Klima-Challenge haben wir die Beschäftigten motiviert, zu dokumentieren, was sie beispielsweise in der Ernährung, bei der Mobilität, beim Heizen oder Duschen geändert haben. Im Rahmen dieser Aktion haben wir gemeinsam mit der Forstgesellschaft des Landes Baden-Württemberg die Pflanzung von 5.000 Bäumen unterstützt.

„Die Bundesregierung muss ressortübergreifend mehr machen, um das Klima zu schützen.“

Dr. Lilian Busse

Kommen solche Aktionen nicht immer dann an ihre Grenzen, wenn der Einzelne auf etwas verzichten muss? Ohne Verzicht, Sie haben es Vermeidung genannt, werden wir das Klima, die Umwelt und die Artenvielfalt kaum schützen können.

Schirren: Ein Problem entsteht erst, wenn man das Gefühl hat: Ich verzichte, aber alle anderen machen weiter wie vorher. Im ersten Lockdown der Corona-Pandemie waren alle gleich betroffen und haben das mitgetragen. Im zweiten Lockdown war beispielsweise die Kultur zu, aber viele Geschäfte hatten auf. Ich glaube, das ist das Problem. Wenn alle die gleichen Rahmenbedingungen haben, kann ich mich gemeinsam mit anderen dort profilieren und das eher als Erfolg erleben. Ich glaube auch, dass es ohne Verzicht nicht geht – da muss man den Menschen die Wahrheit sagen. Wir brauchen Aufklärungskampagnen über die gesundheitlichen Auswirkungen der Klimakrise. Darin sollten Studien­ergebnisse kommuniziert werden, wie zum Beispiel: Wenn Deutschland die Pariser Klimaziele einhält, werden pro Jahr 150.000 Menschenleben gerettet. Wenn wir den Menschen die Wahrheit sagen, haben sie die Chance zu erkennen, dass sich der Klimaschutz positiv auf ihre Gesundheit auswirkt.

Vielleicht ist es ja auch gar nicht so viel Verzicht, beispielsweise anders zu essen, weniger Fleisch, aber mehr Gemüse?

Bauernfeind: Deshalb verwende ich bewusst den Begriff Vermeidung. Es ist nicht zwangsläufig ein Verzicht. Vielleicht erhöht es sogar die Lebensqualität, bestimmte Dinge nicht zu tun. Ich bin übrigens nicht der Meinung, dass für alle das Gleiche gelten muss, denn eine Verhaltensänderung setzt eine gewisse Eigeninitiative voraus. Aber alle müssen die Regeln und Ziele mittragen. Es ist schwer, einen Übergewichtigen zu mehr Bewegung und einer Ernährungsumstellung zu motivieren. Wir müssen vermitteln: Es bringt Dir persönlich etwas, wenn Du Deine Gewohnheiten veränderst. Und ich darf ihm nicht die Chance geben zu sagen: Ich ändere erst etwas, wenn alle anderen es auch machen. Das ist die Krux: Ich muss es auch machen, wenn es alle anderen nicht machen, weil es für mich gut ist.

Brauchen wir dafür mehr Gesundheitskompetenz?

Schirren: Das Verständnis für den Zusammenhang von Klima und Gesundheit ist Teil der Gesundheitskompetenz. Wir müssen verstehen, dass die Klimakrise, dass die Hitze uns bedroht, dass die Luftverschmutzung schädlich ist, dass neue Infektionserkrankungen, mehr Infektionserkrankungen auf uns zukommen. Das medizinische Fachpersonal muss wissen, dass jemand beispielsweise mit dem Westnil-Virus infiziert sein könnte, weil das Virus es geschafft hat, hier zu überwintern. Aber auch Patienten müssen zum Beispiel wissen, dass sich Prionen in der Ostsee bei Temperaturen über 20 Grad ausbreiten. Wenn jemand mit einer kleinen offenen Wunde ins Wasser geht, läuft er Gefahr, sich zu infizieren. Die Krankenkassen haben hier gute Möglichkeiten, aufzuklären und die Gesundheitskompetenz mit verschiedenen Anreizen zu unterstützen.

Busse: Ich komme nochmal auf die Verzichtsdebatte zurück, die auch im Umweltbundesamt ein Riesenthema ist. Ob etwas ein Verzicht ist oder nicht, liegt im Auge des Betrachters. Mein Mann hat ein größeres Problem, auf Fleisch zu verzichten, als ich – ich bin Vegetarierin. Auch wenn es um die Mobilität geht, tut es dem einen mehr und dem anderen weniger weh, beispielsweise vom Auto aufs Rad umzusteigen. Wichtig ist, klar zu kommunizieren, dass die Veränderungen zugunsten des Klimaschutzes nicht immer eine Win-Win-Situation ergeben. Deswegen arbeiten wir, aber auch die Politik, an der sozialökologischen Transformation. Dabei muss man im Blick haben, wie sich ein Verzicht in verschiedenen sozialen Schichten auswirkt, wie es um die Umweltgerechtigkeit bestellt ist.

Was muss die Politik jetzt konkret tun, um die schlimmsten Folgen des Klimawandels für die Gesundheit zu verhindern?

Busse: Klimapolitik muss ressortübergreifend stattfinden, da ist nicht nur das Umweltministerium gefragt. Ich bin in dieser Hinsicht zuversichtlich und gespannt, wie die Ampelkoalition das jetzt schaffen wird. Wir brauchen eine ambitionierte Umsetzung, sodass wir weiterkommen mit unseren Klimazielen. Ambitioniert heißt, dass wir die CO₂-Verringerung in den verschiedenen Sektoren – wie beispielsweise Landwirtschaft, Gebäude, Verkehr – angehen, und zwar sofort. Klimaschutz ist eine Querschnittsaufgabe.

Schirren: Ein wichtiger Punkt ist die klimagerechte Gesellschaft, also ein angemessener CO₂-Preis. Mit dem Geld, das nicht mehr in klimaschädliche Investitionen fließt, sollten wir nachhaltige Strukturen unterstützen, damit der transformative Wandel voranschreitet. Eine Rückerstattung für Menschen, die wenig CO₂ verbrauchen, könnte für sozialen Ausgleich sorgen. Wichtig ist, klar zu kommunizieren, dass die Klimakrise die größte Bedrohung für die globale Gesundheit ist. Gleichzeitig gilt: Der Klimaschutz ist die größte Chance für unsere Gesundheit. Wir haben es selbst in der Hand, wir können es schaffen.

Bauernfeind: Ich erwarte von der Politik, dass sie in der jetzt anstehenden Legislatur alle Hebel in Bewegung setzt, um Klima- und Umweltfaktoren, die negativ auf die Gesundheit wirken, nachhaltig anzugehen. Dabei ist Ehrlichkeit gefragt. Die Politik muss die Bevölkerung in der vollen Breite mitnehmen und auch die Wirtschaft klar adressieren, weil wir unsere Lebensgrundlagen hier gerade massiv gefährden. Auch wenn der Klimaschutz ein globales Thema ist, erwarte ich, dass sich Deutschland auf den Weg macht, seinen Beitrag zu leisten.

Das Gespräch moderierten Änne Töpfer und Bernhard Hoffmann.

Bernhard Hoffmann ist Chefredakteur der G+G.
Änne Töpfer ist verantwortliche Redakteurin der G+G.
Stefan Boness ist freier Fotograf.
Bildnachweis: Titelbild Startseite: iStock.com/Moncherie
Schreiben Sie der Redaktion.