Interview

„Ärzte sind wichtige Multiplikatoren“

Rund eine Milliarde Patientenkontakte haben Ärztinnen und Ärzte insgesamt pro Jahr. Die könnten sie nutzen, um Menschen zu einem klimafreundlichen Lebensstil zu motivieren, sagt Kinderarzt Dr. Christoph Dembowski. Für ihn hängen Klimaschutz und Gesundheit zusammen.

Herr Dr. Dembowski, warum sollten sich Ärztinnen und Ärzte für den Klimaschutz engagieren?

Christoph Dembowski: Weil es überlebensnotwendig ist. Die ganze Welt ist durch die Klimakrise erkrankt. Medizinisch gesehen handelt es sich um einen Notfall, weil ein Multiorganversagen droht. Wir sind alle gefragt zu handeln, damit das gut ausgeht. Bei der Deutschen Allianz für Klimaschutz und Gesundheit KLUG sind etwa 650 Ärztinnen und Ärzte aktiv. Das Projekt nimmt gerade an Fahrt auf. Wir haben viele neue Mitstreiter gefunden und viele Anfragen für Projekte und Vorträge.

Porträt von Dr. Christoph Dembowski, Facharzt für Kinderheilkunde

Zur Person

Dr. Christoph Dembowski, Facharzt für Kinderheilkunde, ist seit 2019 in der Praxis für Kinderneurologie und Entwicklungsförderung Soltau tätig. Vorher arbeitete er in eigener Praxis in Rotenburg/Wümme. Er ist Mitglied der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG).

KLUG regt sogenannte Klimasprechstunden an. Was genau ist das?

Dembowski: Die Klimasprechstunde ist ein Projekt der transformativen Arztpraxen, die ihre Strukturen an die Herausforderungen des Klimawandels anpassen. Ärzte sind wichtige Multiplikatoren. Wir haben im Jahr insgesamt etwa eine Milliarde Patientenkontakte, die wir nutzen können, um Menschen anzuregen, den Lebensstil zu ändern. Damit verbessern sie die Gesundheitsprognose des Planeten, aber auch die eigene Gesundheit.

Was empfehlen Sie Patienten, um Gesundheit und Klima zu schützen?

Dembowski: Lange habe ich gedacht, der Lebensstil ist eine persönliche Angelegenheit. Aber als mit dem Hitzesommer 2018 deutlich wurde, dass sich die Klimaveränderungen rapide beschleunigen, habe ich angefangen, Eltern darauf hinzuweisen, dass All-Inklusive-Flugreisen nicht unbedingt die Gesundheit der Kinder fördern. Reisen sind also ein Thema. Hinzu kommt die Ernährung: Hier rate ich zu einer fleischreduzierten Kost und Lebensmitteln aus der Region. Auch das Selberkochen empfehle ich, weil es wichtig ist, sich die Ernährungssouveränität zu bewahren. Beim Thema Bewegung versuche ich, Vorbildfunktion einzunehmen: In Rotenburg bin ich dafür bekannt, dass ich als Arzt Hausbesuche mit dem Fahrrad gemacht habe.

Die Welt ist durch die Klimakrise erkrankt. Medizinisch gesehen handelt es sich um einen Notfall.

Wie lassen sich Menschen zu Lebensstiländerungen motivieren?

Dembowski: Im Gespräch. Rund um die Bundestagswahl haben wir als Ärzte bei einer Aktion in der Fußgängerzone da­rauf hingewiesen, dass unser Planet Fieber hat. Da gab es interessante Diskussionen mit Menschen, die man sonst nicht trifft. Die Öffentlichkeitsarbeit in dieser Richtung muss unbedingt weiterlaufen.

Wie können Arztpraxen klimaneutral werden?

Dembowski: Unter klima-gesund-praxen.de steht eine Checkliste für Arztpraxen zur Verfügung. So lässt sich beispielsweise über kleine Änderungen der Raumtemperatur oder der Temperatur des Kühlschranks viel erreichen. Wichtig ist auch, zum Ökostrom-Anbieter zu wechseln und eine nachhaltige Bank zu wählen. Wege lassen sich vermeiden, wenn Ärzte Patienten auf einen Facharzt in der Nähe hinweisen oder Video- und Telefon­sprechstunden anbieten. Diverse Sendungen von Pharmafirmen, Arztmuster und Werbegeschenke habe ich zurückgehen lassen oder abgelehnt mit dem Hinweis auf die Ressourcenverschwendung.

Hat sich in der Einstellung zum Klima­schutz etwas bewegt?

Dembowski: Die Menschen merken inzwischen, was auf uns zukommt, sind vorsichtiger und nachdenklicher geworden. In der Richtung spüre ich eine Veränderung.

Änne Töpfer führte das Interview. Sie ist verantwortliche Redakteurin der G+G.
Bildnachweis: privat
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