Interview

„Medien selbstbestimmt nutzen“

Digitaler Stress, versteckte Kosten, Abhängigkeit: In der Online-Welt sind Kinder und Jugendliche Gefahren ausgesetzt. Eltern können sie dabei unterstützen, Erfahrungen für den sicheren Umgang mit Neuen Medien zu sammeln, meint Mediencoach Kristin Langer.

Frau Langer, digitale Medien beherrschen den Alltag von Kindern und Jugendlichen. Welche positiven Aspekte können Sie dem abgewinnen?

Kristin Langer: Digitale Medien verschaffen Kindern und Jugendlichen viel Selbstständigkeit. Sie können ihren Alltag damit selber organisieren, sich mit Gleichaltrigen verabreden, Freizeitaktivitäten planen, sich eigene Interessen erschließen. Außerdem gewinnen sie technisches Know-how. Digitale Medien geben auch Raum für Kreativität.

Porträt von Kristin Langer, Mediencoach beim Elternratgeber SCHAU HIN!

Zur Person

Kristin Langer ist seit 2013 Mediencoach beim Elternratgeber SCHAU HIN! Die diplomierte Medienpädagogin und Mutter einer Tochter hat langjährige Erfahrungen im Bereich der Elternarbeit. Zu den Partnern von SCHAU HIN! gehört die AOK.

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In welcher Hinsicht können digitale Medien Schaden anrichten?

Langer: Sie können die Gesundheit beeinträchtigen, beispielsweise Gehör und Sehvermögen schädigen. Und es gibt so etwas wie digitalen Stress – ständig verfügbar sein zu wollen. Außerdem entstehen Risiken durch Werbung und versteckte Kosten. Hinzu kommen gefährdende Inhalte: brutale Filme und Fotos bis hin zur Pornografie. Werden Bilder von Kindern und Jugendlichen ungefragt gepostet, ist ihre Privatsphäre verletzt und sie können Opfer von Cybermobbing werden. Ein großer Risikobereich ist der Kontakt zu Fremden, der im schlimmsten Fall in sexuellen Missbrauch münden kann. Kinder können den meisten Risiken aber gut begegnen, wenn sie von den Eltern genug Unterstützung erhalten und zunächst Erfahrungen in sicheren digitalen Szenarien sammeln.
 
Wie sieht es mit der Gefahr einer Online-Sucht aus?

Langer: Es gibt eine Medien- oder Spielsucht, die exzessive Mediennutzung, mit eine der größten Sorgen von Eltern. Doch Kinder und Jugendliche hier richtig einzuschätzen, fällt schwer. Die Zeit, die sie mit Medien verbringen, ist nicht allein ausschlaggebend. In den Medien gibt es Mechanismen, die digitale Aufmerksamkeit zu erhöhen. Zudem laufen im Körper Prozesse ab, die Sucht erzeugen können. Wenn Kinder in einem Spiel gewinnen, wird im Gehirn Dopamin ausgeschüttet. Darauf stellt sich das Belohnungssystem ein, und dann wächst der Wunsch, das wieder zu erleben. Kinder und Jugendliche müssen erlernen, wie sie sich regulieren. Wenn Eltern ihr Kind damit nicht allein lassen, sondern stützen, dann gelingt das Nein-Sagen.

Kinder und Jugendliche brauchen eine gesunde Medienskepsis.

Was hilft Kindern und Jugendlichen dabei, einen souveränen Umgang mit digitalen Medien zu erlernen?

Langer: Wissen ist eine wichtige Voraussetzung. Um an der digitalen Medienwelt teilzuhaben, brauchen Kinder Kenntnisse zu Technik und Datenschutz. Außerdem sollten sie erkennen, dass die digitale Welt nur ein Teil ihres Lebens ist. Alternativen in der realen Welt sind gleich wichtig. Ziel ist es, Medien selbstbestimmt zu nutzen, sich nicht von den Mechanismen der Werbung leiten zu lassen. Das ist schwer, auch für Erwachsene, aber erst recht, wenn die Persönlichkeit noch nicht voll entwickelt ist.
 
Welche Rolle spielen Vorbilder beim Umgang mit Medien?

Langer: Eltern sind in der frühkindlichen Entwicklung prägend. Im Grundschulalter wird die Peer Group wichtiger. Kinder und Jugendliche müssen sich unter Gleichaltrigen über ihre Medieninteressen austauschen können. Aber Eltern sind lange Vorbilder für die Kinder. Sie sollten eine selbstverständliche, vertrauensvolle Ebene zum Austausch mit ihren Kindern finden und Grenzen im Umgang mit digitalen Medien setzen. Kinder und Jugendliche brauchen eine gesunde Medienskepsis.

Änne Töpfer führte das Interview. Sie ist verantwortliche Redakteurin der G+G.
Bildnachweis: SCHAU HIN!
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