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Jetzt mal Toro

Mehr Wehleid bitte!

Wir Patienten haben eine ganz schöne Verantwortung an der Backe. Denn mehr als fünf Millionen Menschen leben hierzulande davon, dass es uns nicht ständig gut geht. Rezeptfreie Anmerkungen von Thomas Rottschäfer.

Gesundheit zusammen!

Krankenkassen sind selbstlose Samariter. Jeden Tag verballern sie Millionen, um sich selbst überflüssig zu machen. Nur damit Sie und ich gesund bleiben oder es bald wieder werden.

Sollten tatsächlich einmal alle Präventionsprogramme greifen, sorgen findige Pharmafüchse flugs für neue Diagnosen. Wie wäre es zum Beispiel mit SNS, einem chronischen Smartphone-Nacken-Syndrom. Nicht zu vergessen: digitale Demenz.

ToRo zum Hören:

Oder ausgesprochen zeitgemäß: akuter Morbus Diesel. Den gibt es beim VW-Betriebsarzt mit Software-Diagnose für gesetzlich Krankenversicherte oder für Privatversicherte mit Aussicht auf eine Hardware-Transplantation.

Die industrielle Gesundheitsforschung ist eine echte Wachstumsgranate.

8,7 Milliarden Euro in Deutschland allein 2017. Sagen die forschenden Pharmaunternehmen. Die werden es wissen.

Wir Patienten haben damit eine ganz schöne Verantwortung an der Backe. Denn hierzulande verdienen schon fast fünfeinhalb Millionen Menschen ihre Fitnessbrötchen im Gesundheitswesen.

Nimmt man den Wellness-Bereich und den Gesundheitstourismus dazu, leben sogar sieben Millionen Menschen davon, dass wir nicht immer und überall auf unsere Gesundheit achten.

Ein gesunder Patient ist für die Gesundheitswirtschaft ein Totalausfall.

Wer bei Seitenstechen nicht zum Kardiologen geht, wer sich nicht bei Gelegenheit mal ein Bein bricht, wer keine Tabletten schluckt oder gar den grippalen Infekt mit Wadenwickel oder heißer Milch mit Honig kuriert, ist ein skrupelloser Egoist.

So gesehen ist der viel geschmähte Hypochonder der ideale Patient. Ihm fehlt nicht wirklich was. Aber er sorgt mit Leidenschaft dafür, das der Gesundheitsladen läuft.

Seien wir also ruhig ein bisschen wehleidig. Mein Vorschlag: das posttraumatische Pendler-Klimakterium. Das bietet mächtig Potential für Pharma-Kampagnen und Vorsorgeprogramme der Krankenkassen. Vor allem: Damit sind sie der umschwärmte Mittelpunkt auf jeder Ü-40-Selbsthilfeparty.

Trotzdem: Gute Besserung!

Thomas Rottschäfer ist freier Journalist.
Bildnachweis: privat
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