Die HPV-Impfung kann vor Krebs und anderen Krankheiten schützen.
HPV-Impfung

Kampf gegen Desinformation

Auch in Japan empfehlen Experten, sich gegen Humane Papillomviren impfen zu lassen. Doch nachdem Impfgegner Falschinformationen verbreitet hatten, sank die Impfrate in dem Land von 70 auf ein Prozent. Nun gilt es Vertrauen zurückzugewinnen. Von Dr. Agnes Tandler

Mehr als acht Jahre lang

hat die japanische Ärztin Riko Muranaka gegen Fehlinformationen und deren Folgen gekämpft. Nun sieht sie sich am Ziel. Japan hat seine Impfkampagne gegen Gebärmutterhalskrebs wieder aufgenommen, nachdem sie 2013 ausgesetzt worden war. „Es dauert lange, bis man verlorenes Vertrauen zurückgewonnen hat“, weiß Muranaka. Ihr Einsatz für eine Wiederaufnahme der Impfung brachte ihr persönliche Angriffe und ein Strafverfahren ein. Die Absolventin der Hokkaido-Universität konterte Fehlinformationen über den Impfstoff gegen das Humane Papillomvirus (HPV), das Gebärmutterhalskrebs und seltener auch andere Krebsarten verursacht. Jedes Jahr sterben allein in Japan circa 3.000 Frauen an Gebärmutterhalskrebs. Fast all diese Todesfälle könnten durch die HPV-Impfung leicht verhindert werden.

Panik in der Bevölkerung.

Japan führte die Impfempfehlung für Mädchen gegen HPV 2013 ein und setzte sie nur wenige Monate später wieder aus. Grund war eine Desinformationskampagne, die den Impfstoff mit gefährlichen Nebenwirkungen in Verbindung brachte – von Krampfanfällen über Herzerkrankungen bis hin zu chronischen Schmerzen.

Jedes Jahr sterben allein in Japan circa 3.000 Frauen an Gebärmutterhalskrebs.

In der Folge sank die Impfrate von über 70 Prozent auf weniger als ein Prozent. „Die Regierung hatte Angst“, erzählt Muranaka. Obwohl klar gewesen sei, dass der Impfstoff sicher war, seien die Behörden unwillig gewesen, denjenigen Gruppen entgegenzutreten, die Horrorgeschich­ten über die Impfung verbreiteten. Diese abwartende Haltung habe den Gegnern Rückenwind gegeben. Sie nutzten diese Situation, um lückenhafte Behauptun­gen und erfundene wissenschaftliche Erkenntnisse über den Impfstoff in den japanischen Medien zur besten Sendezeit zu verbreiten. Dies löste Panik innerhalb der Bevölkerung aus, obwohl es keinerlei Beweise gab.

Bei Skepsis reagieren.

Muranaka vergleicht die Aufregung von damals mit der ruhigen und klaren Vorgehensweise bei der Einführung des Corona-Impfstoffs. „Japan hat weltweit eine der höchsten Impfraten gegen Covid-19.“ Sie meint, dass die Regierung eine Lehre aus den Erfahrungen mit der HPV-Impfung gezogen habe. Im Fall der Corona-Impfung seien Ärzte und staatliche Stellen sehr schnell eingeschritten, um Zweifel an der Sicherheit des Impfstoffes auszuräumen. Dies, so glaubt sie, sei einer der Gründe für die Impfrate von über 80 Prozent in Japan. Natürlich, so räumt sie ein, sei es einfacher, einen neuen Impfstoff während einer Pandemie einzuführen, wenn Menschen mehr Angst vor dem Virus als vor einem neuen Vakzin haben. „Es ist wichtig, sofort zu reagieren, wenn es Anzeichen für Skepsis gibt. Es dauert lange, bis man Vertrauen zurückgewonnen hat.“ Sie verweist auf Länder wie Irland und Dänemark, die Fehlinformationen zur HPV-Impfung entschieden entgegengetreten sind.

Behauptungen von Gegner entkräftet.

Anders war die Reaktion in Japan. Hier dauerte es acht Jahre und zehn Monate, bis die Regierung ihre Entscheidung rückgängig machte. Nachdem das Gesundheitsministerium seine Empfehlung zurückgezogen hatte, begann Muranaka in japanischen Zeitungen für den HPV-Impfstoff zu werben. Sie ging der Studie des Arztes Shuichi Ikeda nach, der im Fernsehen Fotos von geschädigten Mäusegehirnen zeigte und behauptete, das Nervensystem der Nager sei durch den Impfstoff geschädigt worden. Ikeda, damals Dekan und Professor an der Shinshu-Universität in der Präfektur Nagano, ist inzwischen von seinem Posten zurückgetreten. Ein Untersuchungsausschuss der Universität befand, dass Ikedas Forschung wissenschaftlich nicht fundiert war – seine Forschung stützte sich auf die Daten einer einzigen Maus, die den Impfstoff nicht einmal erhalten hatte. Riko Muranaka hatte die Untersuchung ins Rollen gebracht.

Rechtsstreit bis zum Obersten Gericht.

Ihr Einsatz für die HPV-Impfung stieß zunächst auf heftige Ablehnung. Die Medien mieden sie, sie erhielt Drohungen, ihr Verleger entschied sich gegen die Veröffentlichung ihres Buches. 2018 zog Muranaka nach Deutschland, um am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg zu arbeiten. Derweil wurde sie in Japan von Ikeda wegen Rufschädigung verklagt. Im März 2019 entschied ein Gericht in Tokio gegen sie.

  • Humane Papillomviren (HPV) werden über den direkten Kontakt von Mensch zu Mensch beim Vaginal- und Analverkehr übertragen.
  • HPV-Infektionen treten weltweit auf und gehören zu den häufigsten sexuell übertragbaren Infektionen. In Deutschland gibt es keine Meldepflicht und somit auch keine regelmäßig erhobenen Daten zur Häufigkeit.
  • Die meisten sexuell aktiven Menschen infizieren sich mindestens einmal im Leben mit HPV. Unterschieden wird zwischen Hochrisiko-Typen, die zu Krebs führen können, und Niedrigrisiko-Typen, die unter anderem für Genitalwarzen verantwortlich sind.
  • Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die HPV-Impfung für Mädchen und Jungen von neun bis 14 Jahren. Auch in einem späteren Alter kann die Impfung sinnvoll sein. Für einen bestmöglichen Schutz sollte sie vor dem ersten Geschlechtsverkehr abgeschlossen sein.
  • Trotz einer seit 14 Jahren bestehenden Impfempfehlung der STIKO sind die HPV-Impfquoten in Deutschland gering: Die bundesweite Impfquote für 15-jährige Mädchen lag Ende 2019 bei 47,2 Prozent, für Jungen gleichen Alters bei 5,1 Prozent.
  • Laut Daten des Zentrums für Krebsregisterdaten erkranken in Deutschland jedes Jahr etwa 6.250 Frauen und circa 1.600 Männer an Karzinomen, die durch HPV-Infektionen bedingt sind.

Daten: Robert-Koch-Institut

Muranaka legte Berufung ein, verlor jedoch vor dem Obersten Gericht von Tokio erneut. Sie wurde zu einer Zahlung von 3,3 Millionen Yen (etwa 22.000 Euro) als Entschädigung an Ikeda verurteilt. Der Rechtsstreit ging sogar bis zum Obersten Gerichtshof Japans, der den Fall 2020 jedoch abwies. So wurde das Urteil der unteren Instanz rechtskräftig.

Internationale Anerkennung.

Doch zu diesem Zeitpunkt begann sich das Blatt zu wenden. Dies lag auch daran, dass Muranaka prominente Unterstützung erhielt. Nobelpreisträger Tasuku Honjo, der diese Auszeichnung 2018 für seine Arbeit über die Rolle des Immunsystems bei der Krebsbekämpfung bekommen hatte, setzte sich für sie ein.

Auch international erhielt Muranaka Anerkennung. 2017 wurde sie mit dem John-Maddox-Preis ausgezeichnet, der Menschen ehrt, die sich trotz Anfeindungen im öffentlichen Interesse für die Wissenschaft einsetzen. „Ich kann gefährliche Behauptungen, die die öffentliche Gesundheit bedrohen, einfach nicht ignorieren. Ich möchte, dass die Menschen die Wahrheit erfahren, und das ist der Grund, warum ich weiterhin schreibe und meine Meinung sage“, erklärte Muranaka in ihrer Dankesrede.

All dies habe dazu beigetragen, dass auch die Medien in Japan nun zögerten, den Stimmen der Impfgegner so viel Gewicht zu geben. „Vorher hatten sie Angst, von ihnen angegriffen zu werden“, sagte die Ärztin.

Impfkampagne rollt wieder an.

Schließlich revidierte Japans Regierung die Entscheidung. Seit April 2022 wird die HPV-Impfung wieder empfohlen – ein Sieg für Muranaka. „Es ist zum Teil ihrem Einsatz zu verdanken, dass die Regierung im ver­gangenen Jahr die Entscheidung rückgängig gemacht hat“, betont Dennis Normile, Redakteur des Wissenschafts-Magazins „Science“. Die juristischen Auseinandersetzungen sind jedoch nicht zu Ende. Noch immer sind Gerichtsverfahren von Impfgegnern gegen die japanische Regierung anhängig. Und nach all den Jahren, in denen Mädchen nicht gegen HPV geimpft wurden, muss die Impfkampagne erst wieder in Gang kommen. Die Durchimpfungsrate in der empfohlenen Altersgruppe lag Ende 2022 bei etwa 30 Prozent.

Agnes Tandler arbeitet als Asien-Korrespondentin mit Sitz in Japan und schreibt regelmäßig über gesundheitspolitische Themen.
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