Im OP ist die Digitalisierung angekommen. Andere Klinikbereiche tun sich damit häufig noch schwer.
Krankenhaus-Report 2019

Mehr Vernetzung wagen

Mehr Digitalisierung könnte Deutschlands Kliniken sicherer und effizienter
machen. Doch die Technologien von morgen lassen sich nicht in den Strukturen des letzten Jahrhunderts verankern. Von Anja Schnake

Industrie 4.0, E-Health, Telemedizin:

Digitalisierung ist das Gebot der Stunde. Spätestens mit dem Einsatz des OP-Roboters „Da Vinci“ schien die Revolution auch in den deutschen Krankenhäusern angekommen zu sein. Doch der Eindruck täuscht. Die Kliniken hinken bei der Digitalisierung den meisten ihrer europäischen Nachbarn hinterher.

Nach dem Electronic Medical Record Adoption Model (EMRAM), das den Grad der Digitalisierung auf einer Skala von null bis sieben bemisst, erreichen die im Jahr 2017 zertifizierten Krankenhäuser in Deutschland durchschnittlich einen Wert von 2,3. Damit liegen sie deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 3,6. Das berichtet der aktuelle Krankenhaus-Report des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO).

Ein ähnliches Bild zeichnet der IT-Report Gesundheitswesen 2017 der Hochschule Osnabrück, eine Studie auf Basis der Befragung von IT-Verantwortlichen an deutschen Krankenhäusern. „Digitale Technologien erleichtern die interne wie externe Vernetzung und beschleunigen die Informationsströme. Das hilft, die Qualität der Behandlung zu verbessern und Prozesse wirtschaftlicher zu gestalten“, sagt WIdO-Geschäftsführer Jürgen Klauber. „Doch diese Vorteile kommen in der deutschen Versorgungswirklichkeit nicht an.“

Kliniken verschlafen den Trend.

Der Befund gilt nicht für alle Kliniken und Funktionsbereiche gleichermaßen. So sind große Krankenhäuser digitaler aufgestellt als kleine Einrichtungen. Digitalen Support leisten sich die Kliniken laut IT-Report am ehesten rund um die Operation; Aufnahme und Entlassung zeigen sich vergleichsweise schwach. Doch 40 Prozent der nach EMRAM zertifizierten Krankenhäuser setzen in ihren versorgenden und diagnostischen Abteilungen wie Labor, Radiologie und Apotheke überhaupt keine digitalen Informationssysteme sein. Elektronische Patientenakten werden nur ansatzweise verwendet.

J. Klauber/M. Geraedts/J. Friedrich/J. Wasem (Hrsg.): Krankenhaus-Report 2019. Das digitale Krankenhaus. 378 Seiten; 53,49 Euro. Springer, Berlin, Heidelberg.
 

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In der Folge können Ärzte, Pflegekräfte oder Mitarbeiter der Verwaltung schlechter auf klinische Patientendaten zugreifen als die Kollegen in den USA, Dänemark oder auch der Türkei. Die fehlerträchtige Arzneimittelversorgung verbessert sich deutlich, wenn elektronische Systeme die Medikation unterstützen. Dennoch können Ärzte nur in jedem vierten nach dem EMRAM-Modell zertifizierten Krankenhaus Verordnungen in mindestens einer Abteilung elektronisch erfassen und mithilfe des Systems Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten erkennen.

Bessere Logistik sorgt für Sicherheit.

So konnte das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf seine Arzneimittelversorgung mit elektronischer Hilfe verbessern. Dafür begann das Haus 2012 mit der Einführung eines digitalen Medikationsprozesses. Das sogenannte Unit-Dose-Verfahren hat die bis dato vorherrschende Stationsschranklogistik abgelöst. Die Klinikapotheke beliefert heute sämtliche Stationen. Alle Patienten erhalten ihre Medikamente individuell dosiert und verpackt. Sowie die Verordnung einmal erfasst ist, kümmern sich nur noch Stationsapotheker und Pflegekräfte um die Medikation.
 
Dafür galt es jedoch, die betrieblichen Strukturen und Prozesse einmal auf den Kopf zu stellen. Die historische Pavillon-Siedlung des Universitätsklinikums erhielt ein neues Hauptgebäude mit zentralen Einheiten wie OP-Organisation, Notaufnahme und Belegungsmanagement. Hinzu kamen übergeordnete Zent­ren, die von vornherein auf Digitalisierung und Papierlosigkeit ausgerichtet wurden.

Ein klinisches Arbeitsplatzsystem ist heute in allen klinischen Fachbereichen fest etabliert – ein gewaltiger Aufwand, der sich für das in den 90-er Jahren defizitäre Haus gelohnt hat. Die öffentliche Einrichtung wurde erheblich produktiver und zählt heute zu den modernsten Kliniken in Europa. Gleichzeitig verlieren jedoch die mehr als 1.000 kleinen Krankenhäuser in Deutschland zunehmend den Anschluss an die digitale Welt. Im Durchschnitt erreichen Krankenhäuser mit weniger als 200 Betten im EMRAM-Schema nur einen Wert von 1,3. „Wie bei der Versorgungsqualität zeigt sich auch beim digitalen Wandel, dass vor allem kleine Kliniken nicht Schritt halten können“, sagt Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes.

Elektronische Systeme helfen, die fehlerträchtige Arzneimittelversorgung zu verbessern.

Das Problem kennen auch andere Länder. Dänemark hat schon in den 90-er Jahren begonnen, in digitale Technologien zu investieren und steht mit einem EMRAM-Wert von 5,4 an der Spitze in Europa. Um nicht immer mehr Geld in Strukturen zu stecken, die durch schlechte Auslastung und Qualitätsmängel geprägt sind, begann das Königreich 2007, seine Klinikstrukturen umzubauen.

Das „Super-Hospital“-Programm soll dafür sorgen, dass die stationäre Versorgung weitgehend an baulich, technisch und personell optimal aufgestellten Häusern stattfindet. Das Land treibt seither die Spezialisierung der Kliniken voran und baut die ambulanten Angebote aus, die Notfallversorgung wurde neu geordnet. 20 Prozent des Budgets sind dabei für innovative Informationstechnologie, Medizin- und Logistiklösungen reserviert. Das dänische Programm sorgt vor allem dafür, dass sich mehr Leistungen in den ambulanten Sektor verlagern. Für das Rettungswesen gilt: Die Notfallsanitäter nehmen schon auf dem Weg zum Krankenhaus Kontakt zum dortigen Facharzt auf. Der erhält sofort die digitale Patientenakte samt aktuellen Vitaldaten. So kann die Behandlung schon im Fahrzeug beginnen.

Es bleibt viel zu tun.

Dass Deutschland von solchen Szenarien weit entfernt ist, hat viele Gründe: Breitbandverbindungen sind vielerorts kaum verfügbar; die Bundesländer schieben notwendige Investitionen vor sich her; technische Standards für sektorenübergreifende Kommunikationssysteme sind nicht vorhanden; der Schutz sensibler Patientendaten bereitet Kopfzerbrechen. Ob Bundesgesundheitsminister Jens Spahn dem Thema mit seinem neu gegründeten „Health Innovation Hub“ neuen Auftrieb geben kann, wird sich zeigen – selbst, wenn die Deutsche Krankenhausgesellschaft tatsächlich, wie angekündigt, aufhören sollte, um jeden Standort zu kämpfen.

Portrait Reinhard Busse

INTERVIEW

„Digitalisierung schafft Transparenz“


Prof. Dr. Reinhard Busse ist Professor für Management im Gesundheitswesen an der Fakultät Wirtschaft und Management der Technischen Universität Berlin. Das Interview führte Anja Schnake.

Was bedeutet der geringe Digitalisierungsgrad an Krankenhäusern für die Versorgung der Patienten?

Reinhard Busse: Das hat unmittelbare Auswirkungen. Die Kommunikation zwischen einzelnen Abteilungen ist schlechter, Befunde erreichen nicht so schnell und zuverlässig den behandelnden Arzt. Auch die Versorgung mit Medikamenten ist nicht optimal. Letztlich geht es auch um die Vernetzung mit externen Einrichtungen wie beispielsweise Arztpraxen. Wenn dafür die Strukturen fehlen, erschwert das jede Form von inte­grierter Versorgung.

Warum muss man beim Thema Digitalisierung auch über die Strukturen der deutschen Kliniklandschaft nachdenken?

Busse: Digitalisierung ist mit erheblichen Investitionen verbunden. Bevor man alle diese Daten zusammenführt, stellt sich deshalb die Frage, ob ein Haus etwa Herzinfarktpatienten überhaupt versorgen kann. Wenn kein Herzkatheterlabor vorhanden ist, hilft Digitalisierung auch nicht. Dafür schafft sie große Transparenz, das müssen die Kliniken ernsthaft wollen.

Was muss geschehen, damit die Krankenhäuser ihren Rückstand aufholen?

Busse: Als erstes müssten sie sich in die Karten schauen lassen. Dann muss der Datentransfer funktionieren. Zudem brauchen wir Datensicherheit, Interoperabilität und technische Standards. Länder, die nationale Offensiven gestartet haben, sind da im Vorteil. Ein starker Impuls könnte vom Gemeinsamen Bundesausschuss ausgehen, wenn er bestimmte digitale Systeme etwa für Zentren vorschreiben würde.

Anja Schnake ist Redakteurin im KomPart-Verlag, Ressort Aktuelles und Internet.
Bildnachweis: iStock/simonkr, TU Berlin
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