Einwurf

Armut begünstigt Krankheit

Im Kampf gegen Krankheiten reichen technologische Lösungen allein nicht aus, meint Cornelia Füllkrug-Weitzel, Präsidentin von Brot für die Welt. Die globale Gesundheit steht und fällt vielmehr mit den Lebensbedingungen.

Portrait von Cornelia Füllkrug-Weitzel

Jeder Mensch hat das Recht

auf ein Leben in Würde und Gesundheit. Das sollte nicht nur eine selbstverständliche Annahme sein, sondern ist außerdem in globalen Menschenrechtsverträgen verankert. Nach wie vor klaffen jedoch die Chancen für ein gesundes Leben bei uns und weltweit auseinander. So wird ein Mensch in Deutschland durchschnittlich 81, in Sierra Leone nur 52 Jahre alt. Selbst die Unterschiede innerhalb der Länder sind groß, denn die Chancen auf ein gesundes Leben hängen mit dem sozialen Status zusammen. Ob wir gesund sind und bleiben, ist auch abhängig von den Bedingungen, in die wir geboren werden und in denen wir leben. Medizinischer Fortschritt spielt dabei nicht unbedingt die entscheidende Rolle. Die Begleiterscheinungen von Armut, etwa mangelhafte Ernährung, ungesunde Wohn- und Arbeitsverhältnisse, begünstigen Krankheiten und damit eine niedrigere Lebenserwartung. Wenn arme Menschen krank werden, fehlt ihnen oft das Geld für medizinische Versorgung. Etwa die Hälfte der Menschheit hat keinen Zugang zu grundlegendsten Gesundheitsdiensten, Menschen in Kriegsgebieten, wo das humanitäre Völkerrecht nicht mehr geachtet wird, erst recht nicht. Gleichzeitig verarmen jährlich über 100 Millionen Menschen durch Kosten im Zusammenhang mit Krankheit. So entsteht ein Teufelskreis aus Armut und Krankheit.

Die Chancen auf ein gesundes Leben klaffen bei uns und weltweit auseinander.

Medizinische Versorgung ist wichtig, doch ändert sie nichts an den Krankheitsursachen. Die Ausbreitung von Malaria lässt sich verhindern, indem man an den Lebensbedingungen ansetzt, die sie begünstigen. Dazu gehören zum Beispiel Wohnräume ohne Fenster, mangelnde Abwassersysteme und damit viele offene Wasserstellen, in denen die Malaria übertragende Mücke brütet. Schließlich sind Menschen, die in großer Armut leben und denen es etwa an ausreichender Nahrung fehlt, körperlich anfälliger für Malaria. Und wer kein ausreichendes Wissen hat, kann auch nicht für angemessenen Schutz sorgen. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass Programme zur Armutsreduzierung und für bessere Lebensbedingungen wesentliche Faktoren im Kampf gegen Malaria sind. Ansätze der globalen Gesundheit zielen jedoch immer häufiger allein auf technologische Lösungen zur Malaria-Eindämmung wie Moskitonetze und Insektizide in Wasserstellen. Nichts davon ist nachhaltig, denn ohne Alphabetisierung werden etwa Anleitungen nicht gelesen und Netze nicht gewartet. Manches ist mit Blick auf die Folgen für Umwelt, Mensch und Tier sogar bedenklich. Sechzig Jahre Erfahrungen in der Entwicklungszusammenarbeit zeigen, dass Ansätze zur Verbesserung der Gesundheit immer die gesamten Lebensbedingungen in den Blick nehmen und die strukturellen Ursachen von Krankheiten bekämpfen müssen.

Die globalen Nachhaltigkeitsziele der UN sind eine wichtige Richtschnur für solche Ansätze. Eines der Ziele fordert explizit „ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters [zu] gewährleisten und ihr Wohlergehen [zu] fördern“. Direkt oder indirekt hängen fast alle Ziele mit Gesundheit zusammen. Das verdeutlicht, dass Gesundheit nicht nur Voraussetzung für, sondern auch Indikator von Entwicklung ist. Die UN-Nachhaltigkeitsagenda thematisiert auch die Verantwortung der Länder des globalen Nordens für weltweite Gesundheit. Eine Verantwortung, die sich nicht nur auf den Gesundheitssektor direkt bezieht, sondern die Folgen für die Bildungs-, Ernährungs-, Handels- und Wirtschaftspolitik haben muss. Deshalb engagiert sich Brot für die Welt für eine bessere Koordination und Kohärenz der nationalen und internationalen Gesundheitspolitik und eine bessere Abstimmung mit anderen Politikbereichen. Als übergeordnete Instanz ist die Weltgesundheitsorganisation gut geeignet, dies zu gewährleisten. Sie muss in ihrer Rolle gestärkt werden, damit am Ende die internationalen Bemühungen für globale Gesundheit bei den Menschen ankommen und das Menschenrecht auf Gesundheit verwirklicht wird.

Cornelia Füllkrug-Weitzel ist seit 2000 Präsidentin der evangelischen Hilfswerke Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe.
Bildnachweis: Hermann Bredehorst/Brot für die Welt
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