Das Erstellen verständlicher Patientenbriefe soll für Ärzte und Klinikpersonal keine zusätzliche Arbeit bedeuten. Darum wurde eine Software entwickelt, die diese Dokumente automatisiert zusammenstellen kann.
Patientenbriefe

Kein Brief mit sieben Siegeln

Mit der Übersetzung von Medizinerlatein in Patientendeutsch hat das Team von „Was hab’ ich?“ Erfahrung. Nun haben die Streiter für mehr Verständlichkeit im Gesundheitssystem eine innovative Software entwickelt, mit der Kliniken individuelle, verständliche Patientenbriefe automatisiert erstellen können. Beim Berliner Gesundheitspreis haben sie damit den ersten Platz belegt. Von Silke Heller-Jung

Die Arzt- und Entlassbriefe,

die Patientinnen und Patienten am Ende eines Krankenhausaufenthalts ausgehändigt werden, sollen den weiterbehandelnden Hausärzten alle therapierelevanten Informationen an die Hand geben. Doch auch für die Patienten selbst stellen sie oft die einzige schriftliche Zusammenfassung ihrer Diagnose, ihres Gesundheitszustands und der weiteren Behandlungsschritte dar. Für die Versicherten sind diese von Medizinern für Mediziner verfassten Schreiben jedoch häufig nur schwer verständlich. So bleiben viele Fragen offen: Was für eine Krankheit habe ich? Was bedeutet das? Gerade nach einer stationären Behandlung ist es wichtig zu wissen, welche Diagnose vorliegt und wie man sich im Interesse der Gesundheit fortan verhalten sollte. Zwar werden diese Themen in der Regel auch im Entlassgespräch erläutert. Doch Studien haben gezeigt, dass sich viele Menschen bereits unmittelbar nach einem Arztgespräch an bis zu 80 Prozent der dabei besprochenen Inhalte nicht mehr erinnern können.

Damit Patientinnen und Patienten ihre Krankheit besser verstehen, auf Augenhöhe mit den behandelnden Ärzten sprechen und sich eigenverantwortlich um ihre Gesundheit kümmern können, brauchen sie verständliche Informationen. Die Gesundheitsminister der Länder haben darum im Juni 2018 ein Maßnahmenpaket vorgeschlagen, um die Position der Patienten zu stärken. Eine zentrale Forderung war die nach einem Patientenbrief, der am Ende eines Klinikaufenthalts alle wichtigen Informationen in einer verständlichen Sprache zusammenfasst.

Wissenslücken schließen.

Als die Gesundheitsminister diese Forderung formulierten, tüftelten Ansgar Jonietz und sein Team bereits an einer Lösung. Mit unverständlich formulierten medizinischen Informationen kennt Jonietz sich aus: 2011 gründete er gemeinsam mit zwei befreundeten Medizinstudierenden die Internetplattform „Was hab’ ich?“. Patientinnen und Patienten können hier ärztliche Befunde und andere medizinische Dokumente hochladen, Ärzte und speziell geschulte Medizinstudierende höherer Semester übersetzen das Medizinerlatein kostenlos in eine laienverständliche Sprache. Mittlerweile ist aus dem studentischen Start-up eine gemeinnützige GmbH geworden, die sich auf vielfältige Weise für mehr Verständlichkeit im Gesundheitswesen engagiert.

Erste Schritte.

Bereits 2012 hatte eine Auswertung der „Was hab’ ich?“-Anfragen gezeigt: Etwa jeder vierte Nutzer, der online um Übersetzungshilfe bat, reichte einen schwer verständlichen Entlassbrief aus einem Krankenhaus oder einer Rehaklinik ein. „Was würde den Patienten bei der Entlassung aus der Klinik helfen?“, überlegte das „Was hab’ ich?“-Team. Die Antwort: ein individuelles Dokument, das zusätzlich zum Arztbrief erstellt wird und alle wichtigen Gesundheitsinformationen gut verständlich aufbereitet, so dass man zu Hause noch einmal alles in Ruhe nachlesen kann. 

Im Herbst 2015 startete ein erstes Pilotprojekt in Rheinland-Pfalz. Bis April 2018 erhielten dort mehr als 2.500 Patientinnen und Patienten der Paracelsus-Klinik in Bad Ems zusätzlich zum klassischen Arztbrief einen individuellen, leicht verständlichen Patientenbrief. In einer farbigen Broschüre im DIN-A4-Format wurden ausführlich die Diagnosen, durchgeführte Untersuchungen und der Medikamentenplan erläutert; außerdem enthielt das Heft auch Empfehlungen für ein gesundheitsförderliches Verhalten. Der Begleitstudie zufolge verstanden die Empfänger der Patientenbriefe die Inhalte des Entlassgesprächs sowie Sinn und Bedeutung der verordneten Medikamente besser, sie fühlten sich besser unterstützt und rücksichtsvoller behandelt. Auch die Rückmeldung der einweisenden und der Klinikärzte war positiv. „Patientenbriefe sind keine Zukunftsmusik“, resümiert Ansgar Jonietz zufrieden. „Wir haben gezeigt, dass sie im Klinik-Alltag einfach integrierbar sind und den Patienten nachweisbar helfen.“

Kollege Computer hilft.

Im Rahmen des Pilotprojekts wurden die Patientenbriefe noch von Ärztinnen und Ärzten erstellt, die hauptamtlich bei „Was hab’ ich?“ tätig sind. Unterstützt wurden sie dabei durch eine eigens entwickelte Software. Als Grundlage für die Briefe dienten Textbausteine in laienverständlicher Sprache, die die Mediziner im Vorfeld erarbeitet hatten. Ab 2017 durch den Innovationsfonds im Rahmen des § 92 a SGB V gefördert, haben Jonietz und sein Team das Programm weiter ausgebaut und perfektioniert: Inzwischen ist es möglich, die Patientenbriefe mittels einer Software komplett automatisiert zu erstellen.

„Die Basis bilden strukturierte Daten, etwa zu Diagnosen und Laborwerten, die die jeweilige Klinik qualitätsgesichert erhebt“, so Jonietz. Aus einem Fundus von über 10.000 Textbausteinen, die das Ärzteteam erstellt und überprüft hat, wählt die Software anhand eines detaillierten Regelwerks die passenden aus und kombiniert sie zu einem individuellen Brief, der Informationen über das Krankheitsbild, Untersuchungen, Behandlungen und Medikamente patientengerecht zusammenfasst. „Das ist keine Künstliche Intelligenz. Die Software interpretiert die Daten nicht, sondern verarbeitet sie nur Schritt für Schritt so, wie unsere Ärzte es ihr beigebracht haben“, erklärt Jonietz. „Anders als bei von Hand erstellten Patientenbriefen sind hier zum Beispiel Übertragungsfehler ausgeschlossen. Die Klinikärzte müssen die automatisiert erstellten Briefe nicht noch einmal Korrektur lesen; für sie fällt keine Mehrarbeit an.“

Kliniken können so dezentral, kostengünstig und ohne zusätzlichen Aufwand für Ärzte und Klinikpersonal Patientenbriefe erstellen und sie den Patienten im Entlassgespräch zusätzlich zum Arztbrief aushändigen. Seit Juni dieses Jahres werden die vollautomatisch erstellten Patientenbriefe im Herzzentrum Dresden erprobt und evaluiert. Weitere Kliniken haben schon Interesse an der innovativen Software signalisiert. Die Entwickler freut es: „Unser Ziel ist es, alle Patienten deutschlandweit nach dem Krankenhausaufenthalt mit einem Patientenbrief zu versorgen.“ Und Jonietz und sein Team denken bereits weiter: Um noch mehr Menschen mit verständlichen Gesundheitsinformationen zu versorgen, könnte das Konzept mittelfristig auf den ambulanten Bereich ausgedehnt, in digitaler Form oder auch in verschiedenen Fremdsprachen angeboten werden.

Dr. Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin

INTERVIEW

„Kommunikation kann und sollte gelernt werden“

Dr. Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin

Welche Stolpersteine erschweren die Kommunikation zwischen Arzt und Patient?

Günther Jonitz: Zeitmangel und Verständigungsprobleme. Die Arzt-Patienten-Kommunikation ist sehr wichtig, damit eine erfolgreiche Therapie besprochen und durchgeführt werden kann. In unserem immer stärker regulierten Gesundheitswesen hapert es daran, dass Ärzte genug Zeit haben, um sich in Ruhe mit den kranken Menschen zu befassen, und dass das auch honoriert wird. Gleichzeitig müssen alle Gesundheitsberufe schon in der Ausbildung besser darauf vorbereitet werden, wie man mit Patienten verständlich spricht. Kommunikation kann und sollte gelernt werden. In der Medizinerausbildung ist das bereits verankert, die ärztlichen Weiterbildungsordnungen legen gerade nach. Diese Kurse sind sehr beliebt.

Was bedeutet das für den Versorgungsalltag?

Jonitz: Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist groß. Natürlich kann man sich in der zur Verfügung stehenden Zeit um eine patientenverständliche Sprache bemühen. Aber oft fehlt die Zeit, nachzufragen, ob das Gesagte auch verstanden wurde. Wenn Therapien nicht zum Erfolg führen, ist das für beide Seiten unbefriedigend. Wir müssen darum in Menschen, Kompetenzen, Systeme und Kultur investieren!

Wie können die Gesundheitsberufe die Gesundheitskompetenz der Patienten stärken?

Jonitz: Wenn Menschen früh an das Thema herangeführt werden, kann man chronischen Krankheitskarrieren vorbeugen. Es muss mehr Zeit für das Gespräch möglich gemacht werden, auch im Team der Versorgung und gerade bei chronisch Kranken. Schriftliche Informationen in verständlicher Sprache, evidenzbasiert und auf die individuellen Probleme der Patienten zugeschnitten, müssen verfügbar gemacht werden. Das Gleiche gilt für Apps, die den Patientinnen und Patienten helfen, sich besser zurechtzufinden, und die direkte Kommunikation mit dem Arzt erleichtern. Patientenschulungen in Gruppen können helfen, sich gemeinsam besser zu verhalten und sich gegenseitig zu unterstützen.


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Silke Heller-Jung hat in Köln ein Redaktionsbüro für Gesundheitsthemen.
Bildnachweis: Christian Klant/Ärztekammer Berlin
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