Neues aus der Uni

„Gemeinsam realistische Lösungen entwickeln“

In der Rubrik „Neues aus der Uni“ stellt G+G-Digital Institute und Lehrstühle vor. Dieses Mal mit drei Fragen an Prof. Dr. med. Joachim E. Fischer, Direktor des Mannheimer Instituts für Public Health, Sozial- und Präventivmedizin an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg.

Herr Professor Fischer, was ist derzeit Ihre wichtigste wissenschaftliche Fragestellung?

Joachim E. Fischer: Das Institut untersucht in interdisziplinären Teams drei Fragestellungen: Wie kann eine alternde Gesellschaft in Kommunen und Quartieren eine wohnortnahe Primärversorgung sicherstellen und die Gesundheit und Lebensqualität der Einwohner entlang der Lebensspanne fördern? Wie können Betriebe die psychosozialen Rahmenbedingungen der Arbeit so gestalten, dass Arbeit die psychische Gesundheit eher unterstützt? Wie können die Bedingungen des Aufwachsens im Vorschulalter und Schulalter so verbessert werden, dass Kinder unabhängig vom sozialen Hintergrund vergleichbare Chancen erfahren? Hinter all den Fragestellungen steht ein neues Verständnis der Systeme, die etwa als kommunale Lebenswelten zwischen Makro-Ebene (zum Beispiel Land, Staat) und Mikro-Ebene vermitteln und die Gesundheit sowie die Gesundheitschancen der Einzelnen bestimmen.

Portrait Prof. Dr. Joachim Fischer

Zur Person

Prof. Dr. med. Joachim E. Fischer ist seit Herbst 2006 Ordinarius für Public Health, Sozial- und Präventivmedizin an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg und leitet dort als Direktor das gleichnamige Institut. Nach der Facharztausbildung zum Kinderarzt war Fischer Oberarzt an der Universitätskinderklinik Zürich und studierte berufsbegleitend Epidemiologie an der Harvard School of Public Health/Boston. Vor dem Ruf nach Heidelberg forschte und lehrte er an der ETH und an der Universität Zürich.

Wie fördern Sie an Ihrem Institut die Kooperation wissenschaftlicher Disziplinen und die Netzwerkbildung?

Fischer: Das Institut selbst ist interdisziplinär aufgestellt (Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Erstabschluss in Medizin, Psychologie, Epidemiologie, Soziologie, Mathematik, Raumplanung, Biologie, Sprachwissenschaft, Ethnologie) und arbeitet transdisziplinär, das heißt in Zusammenarbeit mit anderen Sektoren der Gesellschaft wie Kommunalpolitik und -verwaltung, Sozialversicherungen, Schulträgern, Unternehmen.

Ist die Politik gut beraten, wenn sie auf die Wissenschaft hört?

Fischer: Diese Frage ist so falsch gestellt. Wissenschaftler müssten lernen, die Heuristiken und Handlungsimpulse von Politik zu verstehen. Der Klimawandel zeigt, wie weit oft wissenschaftlicher und politischer Diskurs auseinander liegen. Auch wir mussten lernen, in Co-Produktion mit der Politik neue Erkenntnisse zu gewinnen, Lösungsstrategien zu entwerfen, diese wissenschaftlich zu bearbeiten und gemeinschaftlich mit der Politik daraus realistische und machbare Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen zu entwickeln. Dabei hilft wissenschaftlich fundiertes Systemverständnis, das eine volkswirtschaftliche und langfristige Sicht auf Gesundheit mit betriebswirtschaftlichen Notwendigkeiten etwa einer Kommune integrierend verbindet.

 

Diese Rubrik finden Sie auch in der Wissenschaftsbeilage der G+G. Hier geht es zur aktuellen G+G-Wissenschaft.

Silke Heller-Jung führte das Interview. Sie hat in Köln ein Redaktionsbüro für Gesundheitsthemen.
Bildnachweis: Marsilius-Kolleg der Universität Heidelberg, Foto Startseite: iStock/uschools
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