Martin
Vorstand gefragt!

„Berliner Zentralismus hilft wenig“

Die AOK hat mit ihrer Initiative „Stadt. Land. Gesund.“ die Versorgung in dünn besiedelten Regionen in den Fokus gerückt. Warum die Gesundheitsversorgung auf dem Land auch bei der Debatte um gleichwertige Lebensverhältnisse in Deutschland eine Schlüsselrolle einnehmen muss, erläutert Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes.

G+G: Seit Anfang des Jahres läuft die AOK-Initiative „Stadt. Land. Gesund.“. Besonders bei Ihren Wettbewerbern hat dies für Aufregung gesorgt. Man sei „regional genauso stark“ wie die AOKs, hieß es, der AOK-Anspruch auf regionale Versorgungskompetenz sei „unseriös“ und „geschäftsschädigend“. Haben Sie mit dieser heftigen Reaktion gerechnet?

Martin Litsch: Einige Reaktionen waren in der Tat ziemlich schrill. Das ging bis zur Unterstellung, die Initiative für regionale Versorgungsansätze sei eigentlich eine hinterlistige Abwehrstrategie im RSA-Streit. Man wehrt sich gegen Aussagen, die wir nie gemacht haben. Klar ist doch, einen Alleinvertretungsanspruch auf regionale Versorgung hat die AOK nie formuliert. Ich freue mich aber, dass es uns mit dieser Initiative gelungen ist, Fragen der Betreuung, Versorgung und Sicherstellung im Gesundheitswesen wieder in den Mittelpunkt der Diskussion zu bringen. In diesem Zusammenhang sei dennoch ein Hinweis erlaubt: Die AOK hat die meisten Geschäftsstellen in Deutschland, und anders als andere Krankenkassen ziehen wir uns nicht aus der Fläche zurück. Dementsprechend kritisieren wir auch die ausufernde zentralistische Tendenz, alles von Berlin aus regeln zu wollen und vor Ort die Gestaltungsfreiräume eng zu machen.

G+G: Ist die Kampagne vielleicht zu konfrontativ ausgefallen?

Litsch: Nein, die Initiative hat einen durch und durch integrativen Charakter. Sie soll zum Mitmachen motivieren, wir wollen mit den relevanten Akteuren vor Ort ins Gespräch kommen. Und es freut mich auch, wenn die Ersatz-, Betriebs- und Innungskrankenkassen nun klarstellen, natürlich sei Gesundheitsversorgung zunächst regional organisiert, das sei doch selbstverständlich. Dieses klare Bekenntnis hat mir bisher gefehlt. Offenbar ist es uns gelungen, bei Politik und Kassen dieses wichtige Thema zu setzen und für die großen Herausforderungen zu sensibilisieren. Jetzt sollten wir den Überbietungswettbewerb über Twitter-Hashtags aber einstellen und auf dem Feld konkreter Versorgungsinitiativen fortführen.

G+G: Sie spielen auf Ihren Hashtag #besserregional an, der von den Wettbewerbern mit #regionalstark gekontert wurde. Ihre Initiave soll aber schon mehr sein als ein Hashtag in den sozialen Medien, oder?

Litsch: Absolut. Am Anfang stand für uns die Frage, ob es das „Gefühl des Abgehängtseins“ bei der Landbevölkerung wirklich gibt. Denn darüber wird zurzeit viel geschrieben. Wir wollten uns vergewissern, welche Versorgungsunterschiede auftreten und wie die Menschen diese wahrnehmen. Die von uns beauftragte Forsa-Umfrage hat gezeigt, dass die Bevölkerung auf dem Land sehr wohl Befürchtungen und Erfahrungen hat, in der Gesundheitsversorgung schlechter gestellt zu werden. Gleichzeitig konnten wir aber auch sehen, wie relevant die Gesundheitsversorgung für die Bevölkerung ist und wie aufgeschlossen sie für alternative Versorgungsformen sind. Sie wollen auch, dass wir als Krankenkasse Verantwortung für eine funktionierende Versorgung übernehmen. Das waren echte Erkenntnisgewinne, die für unsere Initiative Bestätigung und Anknüpfungspunkt zugleich sind.

G+G: Inwiefern?

Litsch: Kurz gesagt, Hausärzte in der Nähe sind wichtiger als Supermärkte. Und die Menschen erwarten einen „Kümmerer“ vor Ort. Da liegen wir mit unserem Ansatz, in den Regionen auf Nähe und gute Erreichbarkeit zu setzen, goldrichtig. Mit unserer Initiative „Stadt. Land. Gesund.“ machen wir deutlich, dass wir vor Ort gemeinsam mit Pflegediensten, niedergelassenen Ärzten sowie Krankenhäusern und vielen weiteren Partnern gute und innovative Versorgungsangebote schaffen und ein zentraler Ansprechpartner für die Gesundheitsversorgung sind. Und zwar sowohl in der Stadt als auch auf dem Land.

G+G: Brauchen wir nicht einfach mehr Ärzte auf dem Land?

Litsch: Ja, aber das allein wird es nicht richten. Um Ärzte aufs Land zu locken, hat der Gesetzgeber bereits mehrere Gesetze verabschiedet und unzählige Zusatzanreize geschaffen. Bis diese wirksam werden, dauert es. Ohnehin ist der Beruf Arzt auf dem Land mittlerweile weniger eine finanzielle Frage als eine der Infrastruktur. Da geht es darum, ob beispielsweise Kita- und Schulplätze für die Kinder vorhanden sind oder Arbeitsmöglichkeiten für den Partner. Deshalb ist es wichtig, jenseits der klassischen Arztzentrierung auch in alternative Versorgungsansätze zu investieren. Die Leute auf dem Land sind ja offen dafür. Eine Kombination aus Telemedizin, Versorgungsassistenzen und Arztnetzen kann viele Versorgungslücken schließen. Wir wollen die digitalen Möglichkeiten so einsetzen, dass sie den Patienten nutzen und nicht die Ängste nähren, dass der unmittelbare Patienten-Arzt-Kontakt vollständig ersetzt wird.

G+G: Haben Sie denn schon ein Umdenken bei der Politik erreicht?

Litsch: Über die Umfrageergebnisse und unser regionales Engagement haben wir seither viele Gespräche mit Gesundheitspolitikern, aber auch Vertretern aus anderen Politikbereichen geführt. Das Thema ist gesetzt. Aber wir haben noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Das konnte man zuletzt auch daran erkennen, dass bei der Vorstellung der Pläne, wie in Deutschland möglichst gleichwertige Lebensverhältnisse erreicht werden können, die Bundesländer gar nicht dabei waren und Themen wie Internet- und Verkehrsanbindung an erster Stelle standen beziehungsweise für die Gesundheitsversorgung gar keine konkreten Maßnahmen beschlossen wurden. Gesundheitsversorgung als Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge sollte bei allen konzeptionellen Überlegungen aber mindestens eine ebenso prominente Rolle spielen. Denn wie gesagt, unter allen Infrastruktureinrichtungen ist den Deutschen die Gesundheitsversorgung am wichtigsten.

G+G: Aber ist es zielführend, darüber zu streiten, ob jetzt die Gesundheitsversorgung oder die Internetanbindung wichtiger ist?

Litsch: Völlig richtig, das Thema "Gleichwertige Lebensverhältnisse" ist ein Querschnittsthema, die verschiedenen Bereiche müssen zusammen gedacht werden. Für innovative Versorgungsformen wie Videosprechstunden, mobile Arztpraxen und die Betreuung durch qualifizierte medizinische Fachkräfte braucht man selbstverständlich die Anbindung ans schnelle Internet und eine moderne Verkehrsinfrastruktur. Im Übrigen ist eine Stärkung ländlicher Regionen nur machbar, wenn Bund, Länder und Kommunen zusammenarbeiten. Bei diesem Thema sollten alle Akteure an einem Strang ziehen. Berliner Zentralismus hilft hier wenig.

G+G: Was macht die AOK selbst vor Ort? Wo gehen Sie mit gutem Beispiel voran?

Litsch: Wir denken medizinische Versorgung ein Stück weiter. Was genau die AOKs machen, zeigen wir auf unserer Internetseite beispielhaft anhand von etwa 100 Projekten, verteilt über das gesamte Bundesgebiet. Dabei arbeiten wir mit vielen Akteuren gut und eng zusammen, im Übrigen auch mit anderen Kassen. Aber hier sind alle gefragt: die Kommunen, die Länder, auch die regionale Wirtschaft. Wenn es uns als Gesellschaft mit gleichwertigen Lebensverhältnissen in Stadt und Land ernst ist, dann müssen wir zusammen anpacken.

G+G: Eine weitere Beschwerde der Wettbewerber im Kontext der Initiative lautet, die AOK könne bestimmte Angebote nur machen, weil sie unter der Aufsicht der Länder stehe und diese lascher als die des Bundesversicherungsamtes sei. Gleichlange Spieße gebe es aber nur mit einer zentralen Aufsicht der Bundesbehörde. Ist das nicht einleuchtend?

Litsch: Natürlich ist es nur fair, dass alle Aufsichten nach einheitlichen Regeln handeln, egal ob Bund oder Land. Aber dafür sollte die Aufsicht nicht im Bonner Bundesversicherungsamt zentralisiert werden. Viele Kritiker agieren hier nach der Devise: Was ich nicht darf, darf auch sonst keiner. Gute Versorgung schaffen wir aber nicht mit einer solchen Verhinderungslogik. Unser aller Ziel sollte die bestmögliche Patientenversorgung sein. Und dafür sind die Länderaufsichten die richtige Adresse.

G+G: Sind die dafür wirklich geeignet? Man hört ja immer wieder den Einwand, dass die Länderaufsichten nicht genügend qualifiziertes Personal für diese Aufgabe haben oder bereitstellen. Man schaue nicht hin, sondern eher weg.

Litsch: Das Bundesversicherungsamt selbst hat in einem Sondergutachten vom April 2018 festgestellt, dass es keine wettbewerbsrelevanten Unterschiede in der Aufsichtspraxis zwischen Bund und Ländern gibt. Insofern sind die Klagen der Wettbewerber nicht nachvollziehbar. Andersherum wird ein Schuh daraus. Die Länderaufsichten können besser beurteilen, wie gute Versorgungsangebote vor Ort gestrickt sein können, weil sie näher am Versorgungsgeschehen dran sind. Deshalb sollten auch unsere bundesweit geöffneten Wettbewerber ihre Genehmigungen durch die jeweilige Länderaufsicht bekommen statt durch das Bundesversicherungsamt. Die Kompetenzstärkung muss in umgekehrte Richtung laufen. Also kompetenter Föderalismus statt expansiver Zentralismus. Im Übrigen hat das Bundesversicherungsamt heute die zentrale Aufsicht für alle Fragen, die die Einnahmeseite der Krankenkassen betreffen, also rund um die Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds und den Risikostrukturausgleich. Hier gibt es die gleichlangen Spieße, die unsere Kritiker gerne hätten. Und trotzdem sind sie auch hier nicht zufrieden.

Karola Schulte führte das Interview. Sie ist Chefredakteurin der G+G.
Bildnachweis: AOK-Mediendienst
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