Corona-Pandemie

Debatte: Infektionsrisiko gehört zum Alltag

Die Corona-Krise dauert an und beeinträchtigt auch öffentliche Einrichtungen. Wie sich Organisationen vor dem Hintergrund einer Pandemie resilient gestalten lassen, macht Prof. Dr. Olaf Neumann anhand einer Berliner Studie deutlich.

Die Corona-Pandemie

hat die Menschen weltweit nachhaltig erschüttert und uns unsere Verletzlichkeit als Individuen und Gesellschaft deutlich vor Augen geführt. Nach fast zwei Jahren Leben unter Pandemiebedingungen ist es deshalb umso wichtiger, wissenschaftliche Evidenz und Erfahrungen im bisherigen Pandemie-Management zusammenzubringen. Nur so lassen sich zukunftsfähige politische Entscheidungen ermöglichen. Dabei geht es im Kern darum, durch präventive Ansätze resiliente, also widerstandsfähige Organisationen zu entwickeln und die bisherigen Erfahrungen im Alltag umzusetzen.

Die Studie „Neue Normalität“ der Alice Salomon Hochschule (ASH) Berlin, der Berlin School of Public Health und des Muneris ThinkTank Berlin stellt Handlungsempfehlungen für Entscheiderinnen und Entscheider aus Politik und Verwaltung unter den Bedingungen einer veränderten „Neuen Normalität“ vor, in der Infektionsrisiken nie vollkommen auszuschließen sind. Mit ihren Empfehlungen adressieren die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine Vielzahl verschiedener Funktionsbereiche von öffentlichen Einrichtungen, unter anderem Hochschulen.

Schließung öffentlicher Räume vermeiden.

Die Autoren erwarten, dass Covid-19 und andere Viruserkrankungen nicht mehr nur temporär auftreten, sondern künftig Bestandteil menschlichen Zusammenlebens sein werden. Dies ist eine fundamentale Abkehr von bisherigen Annahmen, die davon ausgehen, dass die Pandemie bald wieder verschwinden werde. Hierdurch entsteht die Möglichkeit, gesellschaftliches und wirtschaftliches Miteinander aktiv mitzugestalten. Auch psychosoziale Aspekte finden in der Studie Berücksichtigung. Die Schließung öffentlicher Räume sollte in der „Neuen Normalität“ möglichst unterbleiben. Stattdessen sollten sie durch eine Kombination aus technischer Ausstattung, offener Kommunikation und Hygienekonzepten offen gehalten werden.

Viruserkrankungen werden künftig Bestandteil des Zusammenlebens sein.

Die ASH Berlin als gesundheitsorientierte soziale Hochschule hat Anstrengungen für eine sichere und gesunde Lehre unternommen, die sich als Good-Practice-Beispiel auch auf andere Hochschulen übertragen lassen. Erfahrungen im Verlauf der Pandemie wertet die Studie kritisch aus. So hat sich beispielsweise gezeigt, dass die aus dem Stand entwickelten Online-Lehrangebote nicht allen Qualitätsanforderungen genügen.

Bei diesen spontan entstandenen Online-Formaten handelt es sich im Kern häufig um präsenzsimulierende Onlinelehre: Sie werden dem wichtigen Qualitätskriterium einer orts- und zeitunabhängigen Lehre im Onlinebereich also nicht ausreichend gerecht. Auch der unvorbereitete Übergang ins Homeoffice hat Nachteile mit sich gebracht. Neben Belastungen und Herausforderungen an die IT-Service-Struktur stechen hier insbesondere fehlendes Knowhow in der Mitarbeiter-Führung auf Distanz seitens der mittleren Hochschulführungsebene hervor – ein Grund warum sich viele Mitarbeiter im Homeoffice allein gelassen fühlten. Gleichzeitig hat die einseitige, auf E-Mails basierende Kommunikation alle Hochschulmitglieder unvorbereitet getroffen.

Krisenstäbe befristen.

Auch die Arbeit sogenannter Krisenstäbe ist kritisch zu sehen. Solche Top-Down-Managementinstrumente sollten zeitlich limitiert und lediglich für unübersichtliche Lagen mit hoher Dynamik im Katastrophenschutz Anwendung finden. Eine Verlängerung über eine Akutlage hinaus ist immer problematisch, da sich die „gemanagten Individuen“ hierdurch passiv verhalten. Eventuell verdeutlichen die auf Dauer angelegten Krisenstäbe nur, dass regelhafte Managementstrukturen nicht oder kaum in einer Organisation vorhanden sind.

Strategien anpassen.

Die Wissenschaftler der Studie „Neue Normalität“ geben Anregungen, wie sich Steuerungslösungen, technische Infrastruktur – zum Beispiel der Einsatz mobiler Luftdesinfektionsgeräte für Lehrveranstaltungen – und Testkapazitäten kombinieren lassen. Diese nicht-pharmazeutischen Interventionen können Entscheidungsträger unterstützen, wirksame Strategien gegen Covid-19 für den weiteren Verlauf der Pandemie zu entwickeln und der jeweils aktuellen Situation anzupassen. Auch für zukünftige Notlagen können sie hilfreich sein. Managementstrukturen, die mehr Mitwirkung der Beschäftigten ermöglichen, werden für resiliente Organisationsumgebungen in der Zukunft unverzichtbar sein.

Olaf Neumann ist an der Alice Salomon Hochschule Berlin Professor für methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit und Prorektor für Forschung, Kooperationen und Digitalisierung.
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