Raus aus der Isolation: Pflegebedürftige Menschen brauchen auch unter Pandemie-Bedingungen die Möglichkeit zur sozialen Teilhabe.
Pflege

Lehren aus der Pandemie

Wie geht es während und nach der Corona-Pandemie weiter mit der Pflege? Diese Frage stand im Mittelpunkt eines Experten-Forums, zu dem der Medizinische Dienst der Krankenkassen eingeladen hatte. Von Dr. Silke Heller-Jung

Die Corona-Pandemie

traf pflegebedürftige Menschen, pflegende Angehörige sowie ambulante und stationäre Pflegeeinrichtungen weitgehend unvorbereitet und mit gravierenden Folgen. In vielen Pflege-Settings kam es zu Infektionen, schweren Erkrankungen und Todesfällen. Die Corona-Pandemie habe eine „fundamentale Krise der gesamten Gesellschaft“ ausgelöst, resümierte Dr. Peter Pick, stellvertretender Vorsitzender des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS) beim „Expertenforum Pflege“ in Berlin. Die Pflege habe es aber „unter Inkaufnahme eigener Gesundheitsrisiken“ geschafft, „trotz am Anfang absolut unzulänglicher Schutzbedingungen die Grundversorgung der ihr anvertrauten Pflegebedürftigen sicherzustellen“.

Kein sozialer Austausch mehr.

Wie sich Kontaktbeschränkungen, Besuchsverbote und andere Infektionsschutzmaßnahmen auf den Alltag in der stationären Pflege auswirkten, schilderte Andreas Kutschke, der für das Qualitätsmanagement in der Pflegeeinrichtung Stiftung St. Laurentius im Kreis Viersen verantwortlich ist. Anfangs, so Kutschke, mangelte es massiv an Schutzausrüstung. Zeitweise war ein Drittel der Beschäftigten in Quarantäne; dennoch waren umfangreiche Hygieneprotokolle einzuhalten. Um isolierte Bereiche für Verdachts- und bestätigte Infektionsfälle einrichten zu können, mussten etliche Umzüge innerhalb des Hauses organisiert werden. Gemeinschaftsräume wie der Speisesaal blieben über ein Jahr lang geschlossen. Dadurch habe es über Monate so gut wie „keinen sozialen Austausch mehr“ gegeben, sagte Kutschke. Die Folge: „Wenn man in seinem Zimmer isoliert ist, dann verlernt man soziale Teilhabe.“ Besonders schwer sei die Situation für Menschen mit Demenz gewesen.

Auch für viele Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen und ihre Familien sei „im ersten Lockdown eine Welt zusammengebrochen“, weil Werkstätten und andere Angebote geschlossen waren, ergänzte die SPD-Bundestagsabgeordnete Claudia Moll, die selbst 27 Jahre in der Altenpflege gearbeitet hat.

Plötzlich ohne Unterstützung.

Gut die Hälfte der 4,1 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland wird zu Hause von Angehörigen gepflegt. Während manche von ihnen aus Angst vor Ansteckung vorhandene Unterstützungsangebote absagten, mussten andere unfreiwillig auf eigentlich benötigte Hilfe verzichten, berichtete Dr. Ines Verspohl, Abteilungsleiterin Sozialpolitik beim Sozialverband VdK Deutschland (siehe Grafik „Angehörigenpflege: Auf sich allein gestellt“). Sie stellte beim Expertenforum erste Ergebnisse einer gemeinsamen Studie mit der Hochschule Osnabrück vor, bei der im Mai 2021 bei einer bundesweiten Befragung rund 26.000 Pflegende und Gepflegte Auskunft über ihre Corona-Erfahrungen gaben.

Grafik zur Angehörigenpflege: Balkendiagramm mit Fragen zum Thema

Bei einer bundesweiten Befragung von zu Hause versorgten Pflegebedürftigen gaben im Mai 2021 insgesamt 2.459 Menschen an, dass sie aufgrund der Corona-Pandemie bestimmte Unterstützungsangebote nicht mehr nutzen konnten. Der häufigste Grund dafür waren pandemiebedingte Schließungen.

Quelle: VdK Deutschland/Hochschule Osnabrück

Die Mehrheit der pflegenden Angehörigen (70 Prozent) fürchtete, dass sie selbst an Corona erkranken und den Pflegebedürftigen anstecken könnten. 37 Prozent gaben an, aufgrund von Corona das Haus möglichst nicht mehr zu verlassen. Besonders stark litten die pflegenden Angehörigen unter den psychischen Belastungen (74,3 Prozent) – mehr noch als unter der Angst vor dem Corona-Virus (59,1 Prozent). Doch auch wenn sich die Befragten im Frühjahr noch überwiegend zuversichtlich äußerten, war Verspohl sich sicher: „Noch so einen Winter schaffen die pflegenden Angehörigen nicht.“ Man müsse sie dringend „besser unterstützen, besser entlasten“ und vor pflegebedingter Altersarmut schützen.

Schwachstellen im System.

Die Krise habe Schwachstellen im Pflegesystem offengelegt, waren sich die Experten einig. Vor allem in der Anfangsphase „waren nicht genug Masken, Kittel und Handschuhe da“, räumte Birgit Naase ein. Die Leiterin der Abteilung Pflegeversicherung im Bundesgesundheitsministerium (BMG) sagte: „Wir haben den Wert einer guten und vorausschauenden Vorbereitung auf kritische Ereignisse durch diese Pandemie sehr schmerzlich lernen müssen.“ Für solche Fälle werde nun eine „Nationale Reserve Gesundheitsschutz“ aufgebaut. Die Politik habe den Pflegesektor durch die Errichtung des Pflege-Schutzschirms, ihr Ministerium unter anderem durch eine intensive Informationspolitik unterstützt.
 
Die Medizinischen Dienste hatten die Einzelfallbegutachtungen Pflegebedürftiger aus Infektionsschutzgründen bereits frühzeitig auf telefonische Gespräche umgestellt. Um die Einrichtungen zu entlasten, wurden auch die Qualitätsprüfungen weitgehend ausgesetzt. Das sei in der akuten Krisensituation richtig gewesen, tue aber „natürlich weh“, betonte Gernot Kiefer, stellvertretender Vorsitzender des GKV-Spitzenverbandes.
 
Wie die Medizinischen Dienste (MD) Gesundheitswesen und Pflege während der Pandemie unterstützten, schilderte Kathrin Federmeyer, Fachgebietsleiterin Pflege beim MD Saarland. So halfen die Pflegeexperten beim Erstellen und Aktualisieren von Pandemieplänen sowie bei der Umsetzung von Hygienevorgaben und Besuchsregelungen, unterstützten die Gesundheitsämter und stellten Informationen bereit.

Vorsorge ist Gemeinschaftsaufgabe.

In einem Punkt waren sich die Experten einig: Dass Menschen monatelang isoliert waren und manche aufgrund der Zutrittsverbote ohne die Begleitung ihrer Angehörigen sterben mussten, dürfe sich nicht wiederholen. „Der Schutz der Menschenwürde darf nicht dem Infektionsschutz untergeordnet werden“, brachte Peter Pick es auf den Punkt. „Soziale Teilhabe und Lebensqualität sind auch unter Pandemiebedingungen weiter zu gewährleisten.“ Mit diesen Aufgaben dürfe man die Pflege jedoch nicht alleinlassen. Eine gute Versorgung und Betreuung der Pflegebedürftigen könne nur in einer Gemeinschaftsaktion aller beteiligten Akteure sichergestellt werden, erklärte Peter Pick.

Alle, auch der Bund und die Länder, müssten Lehren aus der Pandemie ziehen, mahnte auch Gernot Kiefer. Wenn Pflegeeinrichtungen beispielsweise Schutzausrüstung für Notfälle beschafften und lagerten, müssten die Länder eine solche Risikovorsorge in einem Umfang mitfinanzieren, der „ihrer Verantwortung für die soziale Daseinsvorsorge gerecht wird.“

Beratungskompetenz nutzen.

Tests und Impfungen seien der „Weg aus der Krise“, betonte Dr. Stefan Gronemeyer, Geschäftsführer des MDS. Vor allem bei den Impfungen gelte es jetzt aufzuholen. Um Pflegebedürftige in der Häuslichkeit zu erreichen, forderte VdK-Expertin Ines Verspohl „zugehende, aufsuchende Impfangebote“.
 
Zahlreiche Lösungsvorschläge trug Dr. Elisabeth Fix, Referentin Rehabilitation, Alten- und Gesundheitspolitik beim Deutschen Caritasverband, vor: Neben einer Bevorratung von Schutz­ausrüstung regte sie den Aufbau von „Personalpools“ an, die Einrichtungen in Notsituationen unterstützen könnten. Wichtig sei auch, die Digitalisierung in den Einrichtungen voranzutreiben und sie besser mit den Gesundheitsämtern zu vernetzen. Eine bessere Personalbemessung, mehr betriebliche Gesundheitsförderung und erweiterte Kompetenzen für die Pflegekräfte seien ebenfalls unverzichtbar: „Pflegekräfte können heute schon viel mehr als sie dürfen.“
 
Auch Birgit Naase vom BMG sprach sich dafür aus, „alles zu tun, was notwendig ist, um die Pflege voranzubringen“. Außerdem seien auch in Zukunft „flexible Maßnahmen zur Qualitätssicherung in Krisensituationen“ erforderlich. „Die Medizinischen Dienste werden sich dafür einsetzen, die Qualitätsprüfungen auch unter sich wieder verschärfenden Pandemie-Bedingungen aufrechtzuerhalten“, versprach Peter Pick. Eine zentrale Lehre sei die immense „Bedeutung von Kommunikation und Netzwerkbildung“, bilanzierte Stefan Gronemeyer. Hier könnten die Medizinischen Dienste mit ihrer Beratungskompetenz auch künftig hilfreich sein.

Silke Heller-Jung hat in Frechen bei Köln ein Redaktionsbüro für Gesundheitsthemen.
Bildnachweis: iStock.com/izusek
Schreiben Sie der Redaktion.